Von Jürgen Werner

Der Sieg hat viele Väter“ – wer dächte nicht an diesen Ausspruch, wenn man die Reaktion der Fans auf die Erfolge der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der 2. Finalrunde kritisch betrachtet. „Die Jungs war’n Klasse“ – der Taxichauffeur in Düsseldorf artikulierte seine Kurzanalyse des Spiels gegen Jugoslawien (2:0). Nach dem Spiel gegen Schweden (4:2) waren es dann endgültig wieder „unsere Jungs“ – eine Nation nahm wieder Besitz von ihren Helden, die nahe daran gewesen waren, in den Orkus des Mißerfolges und Vergessens gestoßen zu werden.

Es darf also wieder gejubelt werden. Schon die Gesänge der fast 70 000 Menschen im Düsseldorfer Stadion signalisierten das Wunder am Rhein. Denn zwei Schlachten waren gewonnen worden, als schon jeder an die endgültige Kapitulation glaubte. Doch entpuppen sich Wunder im Sport bei genauerem Hinsehen als konsequente Entwicklung von Ursachen und Wirkungen. Nach genau 30 Sekunden – die Jugoslawen hatten Anstoß gehabt – lag deren Mittelstürmer Surjak im Mittelfeldkreis am Boden, bedrängt von Schwarzenbeck. Die Grundregel zu Beginn eines Spiels lautet, möglichst jeder Spieler der eigenen Mannschaft solle einmal Ballkontakt gehabt haben, bevor der eigentliche Kampf begänne. Abrupt beendete der Paukenschlag Georg Schwarzenbeks diese Ouvertüre. Von nun an ging’s zur Sache.

Die neu in die Mannschaft genommenen Spieler Bonhof, Wimmer, Hölzenbein und Herzog wirkten wie Treibriemen einer Maschinerie: Dank ihrer unverbrauchten Kraft waren sie in der Lage, ständig zu laufen, von hinten nach vorne und umgekehrt. Diese Bewegungsfreude übertrug sich auf alle Mannschaftsmitglieder – das Räderwerk lief also wieder. Dabei verfolgte jeder deutsche Spieler unerbittlich seine jugoslawischen Gegner. Die Folge war eine Fülle von gewonnenen Zweikämpfen im Mittelfeld, die schließlich auch die Entscheidung brachten. Bonhof und Vogts demoralisierten Jugoslawiens Stars Oblak und Dzajic – sie wurden ausgewechselt. Mit beiden Füßen voran, den Rasen als Rutsche benutzend, waren sie Ball und Gegner entgegengestürmt – Bodenakrobatik von Besessenen.

Das Spiel gegen die Schweden zeigte die gleichen Szenen, weil der durch den Regen glitschig gewordene Rasen diesen Kampfstil noch begünstigte. Selbst Franz Beckenbauer, der sonst als Ballzauberer eher zu Frack und Glacehandschuhen neigte, schloß sich dabei nicht aus – des Kaisers neue Masche. Wie ein Symbol für die Wandlung des Spiels der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von Krampf zu Kampf vollzog sich die Entwicklung des überragenden Individualisten und Solisten Beckenbauer zum Dirigenten, wobei diese Rolle zwei neue Aufgabenbereiche innerhalb der Mannschaft einschließt – Kritik am Coach und Konsequenz des Handelns.

Die von Helmut Schön fast bis zur Selbstverleugnung vertretene These, man dürfe eine Mannschaft während eines Turniers möglichst wenig ändern, wurde von Franz Beckenbauer als falsch erkannt und – folgerichtig – geändert. Die neuen Spieler setzten allein durch ihr Laufpensum neue Wertmaßstäbe. Sie waren sich auch nicht zu schade, konsequent an den Außenlinien zu bleiben, dort, wo man auf gutes Zuspiel angewiesen ist, der Raum gegenüber dem Gegner eng begrenzt und dadurch das Risiko größer ist, mehr Fehler zu begehen als im Mittelfeld. Viel Fleiß, an der Außenlinie immer wieder hin und her zu laufen, sowie die Bereitschaft, loszurennen, nur um den Verteidiger mitzuziehen, nicht unbedingt, um den Ball zu bekommen, sind notwendig – Läufe für die Mannschaft.

Linksaußen Herzog und Rechtsaußen Hölzenbein sorgten so dafür, daß die gegnerische Mannschaft endlich gezwungen wurde, Jugoslawien wie Schweden, ihre Deckung auseinanderzuziehen. Holländer wie Polen handhaben dieses System ganz selbstverständlich, zumal dann die Schwerpunktverlagerung durch weites Zuspiel von einer auf die andere Seite zusätzliche Chancen dadurch schafft, daß jetzt der Raum für Renner vorhanden ist. Gadocha, der beste Linksaußen dieser Weltmeisterschaft und Lato, der Rechtsaußen der polnischen Mannschaft, boten wiederum Lehrbeispiele gegen Jugoslawien in Frankfurt (2:1). Gegen die Jugoslawen und Schweden deuteten diese Spielweise – vor allem jeweils in der 2. Halbzeit – auch Hoeneß und Grabowski an. Dann vor allem, wenn die Verlagerung des Spielgeschehens durch Overath und Beckenbauer schnell geschah.