Von Petra Kipphoff

Bloomsbury: das ist ein Stadtteil in London, ohne den Hauch des Exquisiten, wie Mayfair, ohne das Air des Unkonventionellen, wie Chelsea, ein bürgerlicher Stadtteil, in dem sich die University of London bildend ausbreitet und das British Museum hortend auftürmt, ein Stadtteil, dessen Lebensgefühl auch gekennzeichnet wird durch die selbstbewußte Strenge der gleichmäßig georgianischen Hausfassaden.

Bloomsbury: das ist das eingetragene Warenzeichen für eine Clique von Schriftstellern, Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern, die hier zu Beginn des Jahrhunderts in wechselnden räumlichen und personalen Konstellationen ein eklektisch kontinuierliches Zusammenleben führten. Sie alle waren, in dieser oder jener Weise, berühmt, berüchtigt, bekannt, und zwei von ihnen sind über die Grenzen der Stadt, des Landes, der Jahre hinaus lexikon- und bibliothekenreif geworden: Virginia Woolf, mit der eine neue Epoche der Literatur beginnt, und John Maynard Keynes, der als der erste und brillanteste Wirtschaftswissenschaftler des Jahrhunderts gilt. Aber auch Roger Fry, der Kunstkritiker, und Lytton Strachey, der Biographienschreiber, sind nicht eine nur englische Angelegenheit geblieben.

Bloomsbury: das ist für eine Nachwelt die Gelegenheit, lesend an jenem genialisch prosaischen Durcheinander teilzunehmen, das immer dann entsteht, wenn eine Gruppe von, meist jungen, Leuten im Mit- und Gegeneinander der hochfliegenden Ideen und prosaischen Alltäglichkeiten etwas in Bewegung und zuwege bringt, das man, auch im Englischen, "Zeitgeist" nennt.

Es gibt das auch in unseren Tagen, und es wird diese Gruppen und Zirkel auch in der Zukunft geben. Aber im Zeitalter der Mobilität scheinen solche Freundschaften und Gemeinschaften an Notwendigkeit und Dauer und damit an Intensität eingebüßt zu haben, und im Zeitalter der Tonbänder und Durchwahlnummern rund um die Erde ist der Zwang zum Briefeschreiben nicht mehr gegeben und damit die Lust und die Fähigkeit zur schriftlichen Mitteilung verdorrt. Wenn in England im Moment eine ganze Bloomsbury-Industrie floriert, dann hat das nicht nur etwas mit der derzeit prosperierenden Vermarktung der Vergangenheit überhaupt zu tun, es kommt hinzu, daß hier vielleicht ein letztes Mal Kultur- und Kunstgeschichte in Dokumenten aus erster Hand verfügbar ist. Da die meisten Bloomsburies verblüffend bis erschreckend schreibselig waren, gibt es Kisten und Kästen und Schränke mit Schriftlichem, das jetzt, da auch die letzten der in erster Linie Betroffenen gestorben sind, publiziert und von Nachfahren und jüngeren Statisten der damaligen Szene liebevoll ediert und kommentiert wird.

Das begann vor ein paar Jahren mit dem Buch von Michael Holroyd über "Lytton Strachey und die Bloomsbury-Gruppe" (1967) und Quentin Bells "Bloomsbury" (1968) sowie der Publizierung von Briefen und Tagebuchauszügen der mit Lytton Strachey befreundeten Malerin Dora Carrington (1970). Vor zwei Jahren dann publizierte Quentin Bell, der Neffe von Virginia Woolf, die Biographie seiner Tante: ein zweibändiges Meisterwerk der Akribie und ein Musterbeispiel von Noblesse, ein ganz entkrampftes, heiter distanziertes Werk; das ist erwähnenswert auch deshalb, weil der Autor von mancherlei Krachen der eng miteinander verbundenen Schwestern Virginia und Vanessa und überhaupt von viel menschlich Allzumenschlichem berichten muß.

Nicht anders liegt der Fall bei Nigel Nicolson, der, das war der zweite große Erfolg der Bloomsbury-Bücherwelle, im vergangenen Jahr das "Portrait einer Ehe" publizierte (das Buch erscheint im Herbst auf deutsch im Kindler Verlag). Die Geschichte seiner Eltern, des Diplomaten Harold Nicolson und der Schriftstellerin Victoria Sackville-West, ist eine Addition so außergewöhnlicher Geschichten, daß nach den Berechnungen aufgeklärter Sozialpädagogen der früh und total geschädigte Sohn mit einem voll ausgebildeten Elternhaß behaftet sein müßte. Das Gegenteil ist der Fall. Aber damit ist man bei jener Tugend, die, als nie fixierter und nie zitierter Code, das Phänomen der Bloomsbury-Gruppe überhaupt erst möglich machte und die wie selbstverständlich auch Stil und Ton der Schreiber über dieses Phänomen bestimmt: der Toleranz, der fast übermenschlichen Nachsicht gegen alles und jedes. Die empfindliche Balance dieser komplizierten Beziehungen wäre wohl kaum zu halten gewesen, wenn es irgend jemandem in diesem Kreise eingefallen wäre, auf die Zumutung, die man zuzeiten füreinander war, mit Vorhaltungen oder der Berufung auf irgendeine Norm oder Pflicht zu reagieren.