Vor 115 Jahren, als mit der erfolgreichen Erdölbohrung des "Colonel" Drake im US-Bundesstaat Pennsylvania der erste große Ölboom begann, warfen manche Ölsucher einfach ihren Hut in die Luft, um die Stelle für eine Bohrung zu bestimmen, Öl zu finden war damals reine Glückssache und so hatten Wünschelrutengänger, Hellseher und aufgeweckte Spitzbuben ihre große Zeit.

Erst allmählich, vor allem durch Einbeziehung geologischer Erkenntnisse, bekam die Ölsuche eine rationale, wissenschaftliche Basis. Man erkannte, daß Erdöl und Erdgas nur dort zu erwarten sein können, wo es vor Millionen Jahren einmal sedimentäre Meeresbecken gegeben hat. Und die Ölsucher bemerkten auch, daß sich die schwarze Flüssigkeit fast immer bei bestimmten geologischen Strukturen fand.

Solche Formationen genau zu vermessen, vor allem wenn sie ein paar tausend Meter unter der Erdoberfläche liegen, ist erst seit wenigen Jahrzehnten möglich. Erdölfirmen bedienen sich dazu ähnlicher Meßmethoden, wie sie Geophysiker zur Ermittlung eines Erdbebenherdes anwenden. Die Ölsucher lösen in dem zu untersuchenden Gebiet künstliche Erdbeben aus, indem sie an genau bestimmten Punkten wenige Meter unter der Erdoberfläche kleine Sprengladungen hochgehen lassen. Die davon ausgehenden Erschütterungswellen pflanzen sich in das Erdinnere fort, werden aber an Trennschichten von Gesteinen verschiedener Dichte reflektiert und an die Erdoberfläche zurückgeworfen. Hochempfindliche – Aufnahmegeräte (Geophone) registrieren diese Reflexionen.

Aus diesen Meßdaten zeichnen Geophysiker Karten der geologischen Strukturen unter der Erde. Erdölgeologen haben dann die wenig beneidenswerte Aufgabe, auf den Karten Punkte einzuzeichnen, wo der Erfolg einer Erdölbohrung als "nicht unwahrscheinlich" zu bezeichnen ist. Sehr exakt kann eine solche Punktauswahl nicht sein – vor allem nicht in Gebieten, in denen noch niemals nach Öl gebohrt wurde. Für solche "Wildcat"-Bohrungen sind die Erfolgschancen trotz fortgeschrittener Geophysik nicht groß: Neun von zehn "Wildcats" sind "trocken" – sie bringen keinen Tropfen Öl. Und das bei Kosten bis zu neun Millionen Mark pro Bohrung.

Seit kurzem aber gibt es "Bright Spot". Es ist eine neue und vor allem treffsichere Methode, Erdöl- und Erdgaslagerstätten von der Oberfläche der Erde aus zu entdecken. Das Verfahren wurde von amerikanischen Ölfirmen, in erster Linie von der Shell, unter größter Geheimhaltung entwickelt. Firmenexperten bekommen glänzende Augen, wenn sie auf das "Helle-Punkt"-Verfahren angesprochen werden, aber zu genaueren Auskünften sind sie aus verständlichen Gründen nicht bereit. Die Firma Shell schätzt ihren Forschungsvorsprung auf nur sechs Monate – den möchte sie nicht auch noch verlieren.

Soviel aber ist bekannt: "Bright Spots" sind ganz bestimmte Ausschläge der Registrierapparate, die seismische Reflexionswellen nach künstlichen "Erdbeben" aufzeichnen. Diese Geräte sind heute so sensibel, daß sie selbst so unbedeutende Dichtesprünge aufzeichnen wie von einem wassergefüllten Sandstein zu einem gasgefüllten. Diese Sensibilität allein aber nützt nichts. Dazu muß noch die praktische Erfahrung einer Firma kommen, die in ihren Stahlschränken hunderttausende Meßstreifen geophysikalischer Landvermessungen liegen hat und die daraus ungefähr weiß, wie eine Reflexionswelle aussieht, die von einer Erdgas- oder Erdöllagerstätte kommt.

"Bright Spot" ist in der Anwendung auch für erfahrene Ölgiganten nicht idiotensicher. Man soll damit Erdgas relativ genau lokalisieren können – bei Erdöl funktioniert es nicht ganz so gut, weil die öldichte nahe bei der von Wasser liegt; das gibt manches Mal Interpretationsfehler. Auch hat sich gezeigt, daß die Methode bei der Exploration im Flachmeerbereich besser funktioniert als auf dem Land. Immerhin: Mit "Bright Spot" wurde im Golf von Mexiko, in der Ägäis und in der Nordsee Öl und Gas gefunden; im kalifornischen Sacramento-Tal stöberte ein Weltkonzern damit ein neues Gasfeld auf.

Kenner der Erdölbranche nehmen an, daß die astronomisch hohen Preise, die in letzter Zeit für Bohrrechte in verschiedenen Flachmeergebieten der USA bezahlt wurden – in einem Fall über 600 Millionen Mark für eine einzige Absteckungszone – etwas mit der neuen Explorationsmethode zu tun haben. "Bright Spot" gibt den Firmen größere Sicherheit – sie wagen deshalb höhere Einsätze. Die Einsatzfreudigkeit wird verständlich, wenn man sich Erfolgsraten mit "Bright Spot" im Golf von Mexiko ansieht; eine Firma wurde bei zehn "Wildcat"-Bohrungen nach Endgas neunmal fündig. Robert Neundorf