Von Adolf Metzner

Aufhören – aufhören" – dieser Chor ertönte zum erstenmal bei der X. Fußball-Weltmeisterschaft beim Spiel Brasilien – DDR in Hannover. Antifußball, stand zu lesen, sei das gewesen, was die Stars auf dem grünen Rasen vorführten. Brasiliens Ballartisten, die einst Leckerbissen für Gourmets am Fließband servierten, sind jetzt zu einem defensiven Fußball übergegangen, bei dem sie sich neben der Abwehr vor allem noch auf ihre Freistöße verlassen.

Einer davon hatte auch im Niedersachsenstadion Erfolg. Jairzinho schmuggelte sich in die Abwehrmauer der DDR-Spieler, warf sich dann blitzschnell zu Boden, und Rivelino schoß sofort durch die entstandene, schmale Lücke ins Tor von Croy. Ein ansonsten sehr versierter Autor der "Welt" meinte dazu, das sei ein uralter Eisenbahnertrick aus der Pionierzeit des Fußballs gewesen, auf den die Mannschaft "von drüben" hereingefallen sei. Tatsächlich wurde aber noch in den zwanziger Jahren keine "Mauer" bei Freistößen, die beim Foul noch Strafstöße hießen, gebildet. Mit eines stolzen Mannes Würde war es damals noch nicht vereinbar, sich zum menschlichen Mauerstein degradieren zu lassen, der zudem noch die Hände schützend vor die empfindliebsten, maskulinen Körperteile zu halten hat.

Aber das ewige taktische Spiel zwischen Abwehr und Angriff erlebt gerade jetzt bei der Abwehrmauer phantasievolle Variationen zu deren Überwindung, Hierzu gehört auch das Heben des Balles über die Spielerkette mit dem Hineinstarten eines Dritten, der dann oft frei vor’dem Tor zum Schuß kommt. Schließlich ist auch der Effetball über oder an der Mauer vorbei als direkter Torschuß manchmal erfolgreich.

Alles Möglichkeiten, um den Menschenriegel, der vor Jahren noch fast unüberwindlich schien, nun höchst geistvoll zu knacken. Brasiliens Trainer Mario Zagallo glaubte ja, auf seinem "Schleudersitz" mit 0 : 0- und 1:0-Ergebnissen wieder in München Weltmeister werden zu können. Inzwischen sind gegen Argentinien sogar zwei Tore gelungen. Vermutlich werden aber die offensiver spielenden Niederländer den Weg dorthin verbauen.

In Hannover waren von den 1500 DDR-"Touristen" nur noch 500 übriggeblieben, die sich angesichts der unfreundlichen Stimmung der Massen sehr zurückhielten. Daß man Sparwasser, den Schützen des Siegestores gegen die bundesrepublikanische Elf, auspfiff, zeugt nicht gerade von sportlichem Geist. Für die Brasilianer war dieses Treffen praktisch ein Heimspiel, da viele Tausende der bundesdeutschen Zuschauer in den Schlachtruf "Brasil, Brasil" einstimmten. Ein Transparent "Heil Brasilien – Heil Deutschland", das von einigen der 5000 brasilianischen Fans gezeigt wurde, verschwand bald wieder. Hier lagen offensichtlich Übersetzungsschwierigkeiten vor. Wie zum großen Tamtam dröhnten unaufhörlich die dumpfen Buschtrommeln.

Parkstadion Gelsenkirchen: "Haben Sie ein Sabberlätzchen?" – Kennzeichnung der Photographen – fragt ein Ordner. Assoziationen an Schalke werden wach, an die Szepan Kuzzora und Co. Auf der Anfahrt vorbei an riesigen Schloten, die mit ihren giftigen Dämpfen die Luft verpesten. Man versteht, warum einst für den Kumpel, wenn er aus den dunklen Schächten wieder ans Tageslicht kam, Fußball die ganze Glückseligkeit war. Das Stadion, wie auch die ganze Stadt, waren beherrscht von den holländischen Fans, 40 000 an der Zahl, die wie ein Heuschreckenschwarm einfielen und in den Lokalen alles leertranken und leeraßen. Totaler Kahlfraß.