Lutz Röhrichs "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten"

Von Peter Wapnewski

Das literarische Zitat ist die Erkennungsmelodie des Bildungsbürgers. Mit ihm zu operieren galt als Ausweis gehobener Erziehung. Handlich gestückt und griffig zugerichtet, repräsentierte es die Erbmasse des deutschen Idealismus in seiner akademischkleinbürgerlichen Spielart. Kein Dichter war in solcher Art von Nachleben unsterblicher als Schiller. Wußte aber einer den Ursprung des Zitates nicht zu klären – "dem Manne kann geholfen werden", er griff zum Büchmann.

Die Zeiten sind vorbei, und uns ist der zitatenquellende Literaturkenner nurmehr eine stehende Figur alberner Komödien. Anders das Sprichwort, die Redensart. Sie sind nicht Bildungsmontur, nicht äußerlich applizierte Standesdekoration, sondern geschichtlich gewachsen, mit der Geschichte gewachsen. Sie bezeugen nicht Bildung, sondern Erfahrung; sind nie geistreich, aber witzig; nie intellektuell, aber klug (und, natürlich, oft auch witzlos, oft auch dumm). Sie sind, wie Jahresringe im Stamm und geologische Schichten im Erdreich, Niederschlag des von Generation zu Generation vererbten Lebens, Volksweisheit, nicht aus Büchern gelernt. Heute aber kann man sie in Büchern lesen.

II

Was schon im 19. Jahrhundert eifrig gesammelt und bewahrt wurde, ist jetzt eingegangen in ein Werk, das seine Vorgänger in dem Maße übertrifft, als es ihnen verpflichtet ist. Sein Verfasser ist Lutz Röhrich, Professor der Volkskunde und Germanistik in Freiburg. Es heißt "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" und erschien Ende 1973 nach längerer Verzögerung im Verlag Herder, Freiburg (2 Bände, 624 und 632 Seiten, über 600 Abbildungen, 236,– DM).

Röhrich und seine Mitarbeiter haben in einer "mehr als zehnjährigen mühsamen Sammelarbeit" (so der Klappentext, als ob Wissenschaft nicht ihrer Natur nach mühsam wäre) aufbereitet, was alte und neue Nachschlagewerke dieser Gattung zusammengebracht haben: Sprich- und Stilwörterlexika und andere "-schätze", wie sie mit den tüchtigen Namen der Seiler und Wander, Lipperheide und Singer verknüpft sind. Vor allem aber lieferten das ebenso nachahmens- wie überholenswerte Vorbild die von Wilhelm Borchardt seit 1888 gesammelten "Sprichwörtlichen Redensarten im deutschen Volksmund" (seit 1894 in der Hand des rührigen Wustmann; zuletzt 1954 in Leipzig herausgegeben von Alfred Schirmer). Diese Vorkommen haben Röhrich und die Seinen nach Kräften abgebaut, das war nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, und so beginnt denn das Werk mit dem gleichen Wort und ähnlichem Wortlaut wie der Borchardt: "Aal" (der seiner schleimigen Haut halber zum Bild des Schlüpfrigen geworden ist).