Von Dietrich Strothmann

Die Androhungen und Angebote waren absichtlich vorsichtig und vage formuliert: Israels Verteidigungsminister Peres erklärte, für den Libanon habe die "elfte Stunde" geschlagen, nicht schon die zwölfte; Ägyptens Staatspräsident Sadat meinte zu seinem militärischen Beistandsanerbieten an Beirut, es sei Sache des Libanon, ob es die MIG-Bomber zur Verteidigung gegen israelische Luftangriffe annehme. Ist also, wieder einmal, fürs erste die Gefahr gebannt, ein fünfter Nahostkrieg könnte entbrennen – diesmal zwischen Israel und dem Libanon?

Freilich waren die Warnungen auch recht eindeutig gewesen. Zur Eskalation des palästinensischen Terrors seit April (49 tote Israelis) hatte Jerusalems Ministerpräsident Rabin angekündigt: "Es ist ein Krieg, der gegen uns geführt wird, und ein Krieg, den auch wir führen. Die Welt soll endlich die Existenz eines langen Krieges gegen den Terror begreifen." Und sein Generalstabschef Gur hatte ägyptische und syrische Waffenzusagen an Beirut mit der versteckten Kriegserklärung kommentiert: "Wenn der Libanon den Ägyptern erlaubt, Flugzeuge und die dazugehörige Luftabwehr ins Land zu bringen, dann wird es zum Schlachtfeld."

Nicht viel anders hatte es von der anderen Seite herüber getönt, nachdem Israel mit 16 Luftattacken auf Flüchtlingslager und Fatah-Stellungen im südlichen Libanon (150 tote Palästinenser) Vergeltung geübt hatte. Sadat war angeblich willens, eher einen neuen Krieg zu riskieren, als die Sicherheit des Bruderlandes aufs Spiel zu setzen; Sprecher radikaler Guerilla-Gruppen waren bereit, das libanesisch-palästinensische Stillhalteabkommen von 1972 zu brechen und in den kommenden drei Monaten ihren Terror gegen Israel zu verschärfen.

Alte Befürchtungen und neue Beschuldigungen waren laut geworden: Daß Jerusalem bereits acht Brigaden an seiner Nordgrenze zum Frontalangriff zusammengezogen hätte (Beiruter Zeitungen); daß Rabins Regierung endlich ihren alten Plan realisieren wollte, das 500 Millionen Kubikmeter große Wasserreservoir der libanesischen Flüsse Hasbani und Litani zu erobern (der Vatikan-Sprecher Alessandrini).

So wenig Israel tatenlos zusehen kann, zum Opfer des Terrorismus zu werden, ihn nur innerhalb seiner Grenzen, in einer Notwehrsituation nicht aber auch an seinem Ursprung zu bekämpfen, so wenig ist der Libanon seiner inneren Instabilität wegen in der Lage, die palästinensische Irredenta gewaltsam auszuschalten. Von den Israelis kann nicht erwartet werden, daß sie sich daran gewöhnen, mit den Handgranaten der Fatah-Freischärler zu leben, von den Libanesen nicht, daß sie einen Bürgerkrieg provozieren, der für sie niemals so erfolgreich beendet werden könnte, wie jener in Jordanien 1970, als König Hussein den Chefpartisanen Arafat aus seinem Lande jagte.

Die Lage des Libanon scheint hoffnungslos und ausweglos. Fast 300 000 Palästinenser leben unter den knapp 2,5 Millionen Libanesen, rund 95 000 davon in 15 Lagern. Zur Taktik der Guerillas gehört es, sich in diesen Flüchtlingscamps einzunisten – um hier ihre Kader auszubilden und bei israelischen Angriffen, die stets auch Zivilisten treffen, Jerusalem des "geplanten Völkermords" denunzieren zu können. Dreimal schon hat Beirut in den letzten Jahren versucht, Kommandoaktionen der palästinensischen Befreiungsorganisationen zu steuern und zu unterbinden: 1969 mit dem Kairoer Abkommen (Begrenzung der Terrortätigkeit vom "Fatahland" an den Westabhängen des Hermon-Gebirges), 1972 mit einer "mündlichen Vereinbarung" (Aktionen nur in Israel selber) und nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Mai 1973 (Teile der 15 000 Mann starken Armee kontrollieren wieder das libanesisch-israelische Grenzgebiet). Stets aber durchbrachen die palästinensischen Extremisten, mit syrischer Schützenhilfe und mit der Zustimmung des moslemischen Bevölkerungsteils des Libanon, die Abmachungen.