Wie die Großen als Schüler mit der Schule und ihren Lehrern fertig wurden

Von Gerhard Prause

Ein sehr guter, ja genialer Schüler war Gottfried Wilhelm Leibniz, der später viele Jahre lang im Dienst des Herzogs von Hannover stand, als Jurist, Bibliothekar, Haushistoriker, und der seit 1700 Präsident der von ihm ins Leben gerufenen Akademie der Wissenschaften in Berlin war. Fast acht Jahre lang besuchte er die Nicolaikirche in Leipzig; er gehört dennoch zur Gruppe jener, die von ihren Vätern oder von Hauslehrern erzogen wurden. Denn Leibniz, geboren am 1. Juli 1646 in Leipzig, ist in seinen ersten Kindheitsjahren so entscheidend von seinem Vater, einem Professor der Moral an der Leipziger Universität, beeinflußt worden, daß die Schule in seinem Fall nur noch eine Art korrigierender Funktion übernahm. Leibniz war seinem Schulpensum immer weit voraus.

Schon der Vierjährige konnte lesen. Und später erinnerte er sich, "daß mein Vater, als ich früh lesen lernte, besonderes Gewicht darauf legte, mir teils durch verschiedene Erzählungen, teils durch ein deutsches Büchlein Liebe zur Profan- und biblischen Geschichte einzuflößen". Und weiter heißt es in seiner Selbstschilderung: "Als ich heranwuchs, fand ich am Lesen von Geschichten ein außerordentliches Vergnügen, und die deutschen Bücher, deren ich habhaft werden konnte, legte ich nicht eher aus der Hand, als bis ich sie ganz gelesen hatte." Zum Spielen fehlte ihm jegliche Neigung. Als Knabe habe er "anstatt des Spiels" seine "Lust" in Geschichte, Poesie, Literaturgeschichte, in Philosophie und Mathematik gesucht, schrieb er.

Früh eigenem Denken überlassen, "nachgerade ein Autodidakt", habe er durch selbständige Lektüre lateinischer Schriftsteller Latein gelernt. Er begann mit einer Ausgabe des Livius, und beschrieb seine Erfolge später so: "In dem ... Livius blieb ich öfter stecken; denn da mir die Welt der Alten und ihre sprachlichen Eigentümlichkeiten unbekannt waren ... verstand ich, ehrlich gesagt, kaum eine Zeile. Weil es aber eine alte Ausgabe mit Holzschnitten war, so betrachtete ich diese eifrig, las hier und da die darunterstehenden Worte, um die dunklen Stellen wenig bekümmert, und das, was ich gar nicht verstand, übersprang ich. Als ich dies öfter getan, das ganze Buch durchgeblättert hatte und nach einiger Zeit die Sache von vorn begann, verstand ich viel mehr davon. Darüber hocherfreut, fuhr ich so ohne irgendein Wörterbuch fort, bis mir das meiste ebenso klar war und ich immer tiefer in den Sinn eindrang."

Man hat bei Leibniz von einer wirklich genialen Dechiffrierkunst gesprochen, die er zeit seines Lebens beherrschte und auch auf andere Gebiete anzuwenden verstand. Der Achtjährige, dem die väterliche Bibliothek voll zur Verfügung stand, las auf diese Weise einen großen Teil der lateinischen Klassiker. Zwei Jahre später, also mit zehn, lernte er auch Griechisch. Unterdessen beherrschte er Latein bald so vollkommen, daß er es mühelos schrieb und in lateinischer Sprache auch Gedichte verfaßte. Leibniz später über sich selbst als Vierzehnjährigen:

"Verse schrieb ich mit besonderem Erfolge und erlangte darin große Fertigkeit, denn als einst ein Knabe in der Schule die Aufgabe bekommen hatte, am Tage vor Pfingsten eine Rede in Versen zu halten, wurde dieser kaum drei Tage vor der Feier durch Krankheit davon abgehalten. Als aber keiner die Sache für ihn übernehmen wollte, wenn man ihm nicht die Rede des Erkrankten zur Verfügung stellte, erbot ich mich freiwillig, schloß mich in mein Studierzimmer ein und schrieb von Tagesanbruch bis zum Mittag dreihundert Hexameter nieder, welche den Beifall der Lehrer erhielten. An dem festgesetzten Tag trug ich diese Verse vor."