Von Hans Otto Eglau

In der Uniform eines simplen Hausboten schlich sich der Arbeiter-Schriftsteller Günter Wallraff in die Chef-Suite des Kölner Versicherungsunternehmers Hans Gerling. Was der im Tarnkleid biederer Unverdächtigkeit im "Allerheiligsten" seines abwesenden Chefs aufspürte, konnten seine Leser wenig später genüßlich nachlesen: die Bronzehäupter des Konzerninhabers und seines Vaters, zwei Weltkugeln, die eine aus Gold, die andere aus Kristall und auf dem Schreibtisch den in goldenen Lettern gestanzten Wahlspruch des Firmenchefs: "Den Starken steht das Glück bei." Auf einen danebenliegenden Zettel kritzelte der kecke Poet: "Aber nicht mehr lange."

Wie treffend Systemprovokateur Wallraff seinem Boß die Zukunft weissagte, zeigte sich schneller als erwartet. Nur knapp ein Jahr, nachdem er wegen eines Soloauftritts gegen das griechische Militärregime zur Zeit hinter Athener Gefängnismauern lebende Eindringling seine düsteren Vorahnungen hinterließ, scheint Hans Gerling tatsächlich vom Glück verlassen zu sein. Der Zusammenbruch, des Kölner Bankhauses Herstatt, an dem Gerling zu rund 81 Prozent beteiligt ist, erschütterte die rheinische Firmengruppe in ihren Grundfesten. Ängstlich fragen sich Manager wie Politiker, ob der Kölner Bankier Iwan Herstatt mit seiner Millionen-Pleite möglicherweise noch weitere Firmen in den Strudel zieht.

Dabei durfte sich Hans Gerling viele Jahre lang nachsagen lassen, unter den Spitzen der deutschen Assekuranz eine Art Hans im Glück zu sein. Seinen Aufstieg absolvierte der 59jährige Konzerninhaber nach einem Konzept, mit dem bereits Vater Robert Gerling vor genau 70 Jahren angefangen hatte: Im Besitz von nur 1000 Goldmark Startkapital stürzte er sich zielstrebig auf das Industriegeschäft und überließ das Massengeschäft mit den kleinen Privatkunden der Konkurrenz. Weil er es auf diese Weise, nur mit relativ wenigen Kunden zu tun hatte, konnte er es sich leisten, seine Policen unter Umgehung selbständiger Makler und Agenten direkt und damit kostengünstiger als andere Versicherer anzubieten.

Dank günstiger Konditionen reüssierte Gerling vor allem auf dem Gebiet der Feuerversicherung, wo er heute mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent größer ist als Deutschlands größter Versicherungskonzern, die Münchener Allianz. "Wir besitzen das Vertrauen der Industrie", beschwor Gerling vor seinen Aufsichtsräten das väterliche Erfolgsrezept. "Nur wenn uns diese Basis entzogen würde, dann wäre der Gerling-Konzern gefährdet. Gefährdung aber heißt keinesfalls Untergang, sondern höhere Kampfbereitschaft."

Vater Gerlings Strategie eröffnete den Kölnern noch weitere Möglichkeiten. Hatten sie ein Unternehmen erst einmal feuerversichert, so fiel es ihnen dank ihrer guten Direktkontakte in aller Regel nicht schwer, unter den Angestellten ihrer Kunden gleich auch Interessenten für den Abschluß einer Lebens- oder Kfz-Versicherung zu gewinnen.

Nicht nur Industrielastigkeit und Kampfkonditionen stempelten Gerling zum gefürchteten Branchenaußenseiter. Ein Unikum ist allein schon die Besitz- und Führungsstruktur des hinter der Allianz-Gruppe zweitgrößten Versicherungskonzerns der Bundesrepublik (Prämienaufkommen 1973: rund zwei Milliarden Mark). Im Kreise der großen Versicherungsgesellschaften ist das Gerling-Imperium als einziges im Alleinbesitz und unter der Kommandogewalt eines einzigen Mannes.