Von Horst Bieber

Fast zwei Jahrzehnte, von 1955 bis 1973, hat Argentinien die Lösung seiner wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme in der Hoffnung auf ein Wunder, im blinden Vertrauen auf den Peronismus vor sich hergeschoben. Juan Domingo Perón, Präsident, General und Caudillo, ist am Montag im Alter von 78 Jahren gestorben. Und weil niemand glaubt, daß seine 43jährige Ehefrau und Stellvertreterin Maria Estella Martinez, genannt Isabelita, seinen Platz ausfüllen kann, wird die Trauer um den Toten rasch in erbitterte Kämpfe aller gegen alle umschlagen.

Der Peronismus ist eine seltsame politische Mixtur: eine lateinamerikanische Variante des europäischen Faschismus, so ist er beschrieben worden. Entstanden jedenfalls ist er, als die sozialen Spannungen den Staat auseinanderzureißen drohten. Nach einer Phase turbulenter Auseinandersetzungen, mit Ausbrüchen aufgestauter Feindseligkeit gegen die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten, in denen sich ein integrierendes nationalistisches Gefühl bildete, kam Oberst Perón 1945/46 an die Macht – getragen von der Masse der Besitzlosen, die in ihm den Retter aus ihren wirtschaftlichen Nöten sahen.

Und Perón half: Der Zweite Weltkrieg hatte dem Agrarland Argentinien riesige Devisenreserven beschert, die er nun mit vollen Händen unter das Volk brachte, unterstützt von seiner Frau Evita, dem "Engel der Hemdlosen". Unbestreitbar besaß diese schöne, temperamentvolle Schauspielerin und Rundfunksprecherin Charisma. Die Massen verehrten sie bald wie eine Heilige. Sie verstanden die schmuckbehangene Präsidentin als Wortführerin ihres Hasses auf die Reichen, als Fürsprecherin ihrer Verzweiflung über die soziale Wirklichkeit.

Evita starb 1952 an Leukämie – früh genug, um den unvermeidlichen Zusammenbruch des Peronismus nicht mehr zu erleben, jung genug, um einen Mythos zu begründen. "Peronismus" blieb bis 1973 die sich immer weiter verklärende Erinnerung an diese sieben goldenen Jahre, die zugleich den Grund für die späteren Schwierigkeiten legten. Denn die sozialen Fortschritte hielten nicht Schritt mit der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit Argentiniens. Der Boom aus den Weltkriegsjahren flaute ab, die Guthaben aus dieser Ausnahmezeit waren bald aufgezehrt, danach wurden die Reformen auf Kredit finanziert. Das Land trieb dem Ruin zu, und als Perón sich mit wilden Attacken auf die etablierten Gewalten Luft verschaffen wollte, jagte ihn das Militär 1955 aus dem Land. Er ließ den Staat in miserabler Verfassung zurück: nicht entwickelt genug, um die sozialen Ansprüche der Arbeiterschaft verkraften zu können; zu entwickelt, um zum lateinamerikanischen Modell der nackten Ausbeutung zurückzukehren.

Eineinhalb Jahrzehnte haben sich die Sozialpartner geweigert, diese Situation anzuerkennen. Und Perón, wohlbestallter Millionär im Madrider Exil, hat mit aller Kraft daran gearbeitet, die Hoffnung auf den alle Not überwindenden Mythos des Peronismus zu nähren. 1973 kehrte er zurück: Das Militär, das die versagenden Zivilregierungen abgelöst hatte, resignierte und ließ freie Wahlen zu. Die Peronisten gewannen; Hector Campora wurde Präsident und trat wenig später zurück: Juan Perón nahm zum drittenmal auf dem Präsidentensessel Platz. Ein Mythos erhielt die Chance, sich in der Realität zu bewähren.

Der Peronismus hatte sich indes geändert. Geblieben, ja gewachsen war der Wunderglaube, dem Freund und Feind gleichermaßen ergeben, um die unausweichliche Konsequenz der Lage, den Klassenkampf, nicht sehen zu müssen. Verändert hatte sich vor allem dies: Der Peronismus war in Fraktionen aufgesplittert, die ihre ideologischen Gegensätze mit Messer und Pistole austrugen. Perón war der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich einigen konnte – so klein, daß er seine 35 Jahre jüngere dritte Ehefrau, eine ehemalige Tänzerin, zur Vizepräsidentin machen mußte, um nicht durch die Bevorzugung eines peronistischen Flügels das prekäre Gleichgewicht zu zerstören.