"Denn Großes wogt mir durch den Sinn, / Ich setze dran mein ganzes Leben ..." So dichtet um 1840141 ein zwanzigjähriger Handlungsgehilfe in Bremen. Er ist Sohn eines pietistischen Textilfabrikanten aus Wuppertal-Barmen, hat als Siebzehnjähriger das Gymnasium vorzeitig verlassen müssen, ist Mitglied verschiedener Literaturkränzchen. und hat sich unter dem Pseudonym Friedrich Oswald schon einen Narren als angehender Poet gemacht. Als Freund, Mitarbeiter, Mäzen von Kerl Marx ist dieser Friedrich Oswald heute, unter seinem richtigen Namen Friedrich Engels, auf der ganzen Welt bekannt. Als Dramatiker jedoch ist Engels erst jetzt zu entdecken, in dem bis zur zweiten Szene des dritten Aufzuges gediehenen Entwurf "Cola di Rienzi", den Michael Knieriem, der Leiter des Friedrich-Engels-Hauses Wuppertal, vor kurzem im Nachlaß des sozialkritischen Lyrikers Adolf Schults entdeckt und jetzt mit Anmerkungen, Erläuterungen und einem Faksimile der Handschrift veröffentlicht hat (Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1974; 98 Seiten, 26 Blätter Faksimile, 20,– DM). Und wie das bei den poetischen Jugendsünden politischer Köpfe so geht: schon wuchern die Legenden. Der "Spiegel" will die sechs Doppelblätter des womöglich als Opernlibretto gedachten Entwurfes in einem "verstaubten Waschmittel-", die "FAZ" die hellbeigen Seiten, mit brauner Tinte beschriftet, mit Zeichnungen und Kritzeleien des reimenden Revolutionärs in spe bedeckt, in einem "Margarine"-Karton aufgestöbert wissen. Ob Seife oder Margarine: dies Stück romantischer Pennälerpoesie trieft von Schmalz. Das Fragment über Aufstieg und Sturz des römischen Volkstribunen Cola di Rienzi, der 1347 in Rom eine Republik nach altrömischem Vorbild errichten wollte, zur gleichen Zeit entstanden wie Wagners Oper, hat allen Charme röhrenden Laientheaters, ist für die deutsche Literatur belanglos, für Engels’ Wirkungsgeschichte unerheblich, aber für unsere Kenntnis des revolutionären Schriftstellers Engels ein wichtiges Dokument. R. M.