Eine hübsche Hausdame, kein Geld, nicht allzu fein, aber ein Sinnenbrocken: der sogenannten Herrenwelt kurz vor dem Ersten Weltkrieg war sie zweifellos willkommen. Sie hielt sich ja zwischen den Klassen auf, zwischen ihren wohlhabenden Brotgebern und deren schlichter Dienerschaft, also an einem Platz, der für erotische Affairen wie gemacht war. Die Angehörigen der hübschen Hausdame, die Julie Schräder hieß, sahen von fern eher beklommen zu. Denn Julie amüsierte sich zwar fabelhaft als Tisch- und Bettgenossin von Aristokraten und berühmten Künstlern, aber, da hatte ihr Bruder Willy recht: sie kriegte auf diese Weise "nichts Festes unter die Füße". Als ein solider Bauernsohn um die schon dreißigjährige Julie angehalten hatte, sah Elisabeth, die Mutter, endlich Land: "Greife zu, meine Tochter, denn du stehst jetzt im prallen Sommer. Der Herbst, mein Kind, kommt rasch." Julie stimmte, ihrerseit erleichtert, ein: "Es ist kaum zu glauben, aber ich werde jetzt ganz bald wirkliche Braut... Brautsein ist schön."

Die Ehe mit dem liebevollen und vernünftigen Hermann war dann nicht so schön, der Mann ist zu bedauern. Bald nach der Hochzeit fehlten Julie Betrieb und Glanz der reichen Häuser. Sie war lange krank und bitter, ehe sie sich, 1939, umbrachte.

In ihren guten Jahren hat sie viele schelmische und schwärmerische Verse zu Papier gebracht, und manche davon sind gedruckt worden. Sie wären vergessen, samt dem exemplarischen Los der Poetin, wenn nicht ein Großneffe der armen Julie, der Musikschriftsteller Berndt W. Wessling, den ererbten Schätzen Buch um Buch abnötigte. Bestimmte Liebesgedichte zeigt der geschickte Neffe erst heute her. Denn, so stand’s in einer Nachbemerkung zu dem Schrader-Lebensbildnis "Ich bin deine Pusteblume": "Manche haben es so in sich, daß wir sie lieber bis ans Ende der Zeiten verborgen halten wollen." Das war 1971. Ist das Ende da? Jedenfalls hat sich der Großneffe nun über die "Geheimschublade" hergemacht, in der die schärferen Sachen "schlummerten". Als Taschenbuch – "Originalausgabe" – geht das allemal:

Julie Schrader: "Das Eroticon des welfischen Schwans", herausgegeben von Berndt W. Wessling; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1974; 124 S., 3,80 DM.

Julchen soll auch hier wieder als "Niedersachsens Friederike Kempner" eingeordnet werden, also als Komikerin wider Willen, "der weifische Schwan", passend zum schlesischen. Doch so arg- und ahnungslos erhaben wie der schlesische Schwan Friederike ist der welfische fast nie dahergezogen. Friederike glitt als ernste, edelsinnige Jungfrau aus, und zwar bei jedem Schritt. Julie erlaubte sich das Lob der eigenen Sinnenfreuden und unterwegs so manche schnippische Bemerkung, manchen heiklen Scherz.

Doch mäßige und dazu unmodern gewordene Lyrik, wie sie den größeren Teil auch dieses Bändchens füllt, bedeutet ja noch kein Geschäft. Wessling muß die tote Großtante als Quelle unfreiwilligen Humors ausbeuten, Bartbindenhumor, echt alt, gewissermaßen, und – auch das nicht erst seit heute – als handlichen Sex-Artikel. "Griebel-grabbel-grubbel-fix! Wieder nix! Ach, wieder nix!" Ob sie das nun ganz allein gedichtet hat, ob mit der Unterstützung des Verwandten – Julies nachgeborene Fachkolleginnen würden sich nicht so milde ausdrücken.

Der gleiche Frühling schwemmt noch eine Schrader-Publikation an: