Die Eskalation der Rüstungstechnik hemmt alle Abrüstungsbemühungen

Von Bernd C. Hesslein

Semper idem – immer die gleiche Nachricht von der Rüstungsfront: Es wird weiter entwickelt und produziert, allen Abrüstungsgesprächen zum Trotz und um alle bestehenden Begrenzungsverträge herum. Atomwaffen gelten, wie das Beispiel Indien zeigt, noch immer als unverzichtbares Attribut einer Großmacht, auch wenn es an allem anderen fehlt. Das Dogma von der allein friedenserhaltenden Kraft der atomaren Abschreckung wird weiterhin in Ost und West katechisiert. Zugleich aber wird seine Glaubwürdigkeit – und damit Wirksamkeit – durch die zunehmenden taktischen Atomwaffen immer mehr in Frage gestellt. Die fünfte Ausgabe des

"SIPRI Yearbook 1974. World Armaments and Disarmaments"; Stockholm International Peace Research Institute, Verlag Almqvist & Wiksell; 526 S., 75,– Sw. Kr.

läßt wenig Raum für die Hoffnung, daß Politiker und Militärs einsichtiger werden und die Notwendigkeit einer kompromißlosen Rüstungsbegrenzung erkennen. Zu sehr haben sich beide von der Eigenbewegung der Waffentechnologie abhängig gemacht, um noch politisch und militärisch vernünftige Entscheidungen treffen zu können, und das hieße auf die Entwicklung und Produktion von Waffensystemen verzichten, die immer neue und schwer zu kontrollierende Dimensionen für einen künftigen Krieg eröffnen.

Die stagnierenden, möglicherweise zum Scheitern verurteilten Verhandlungen zwischen Moskau und Washington über die Begrenzung der strategischen Atomwaffen, also der gelenkten Raketen mit Mehrfachsprengköpfen, sind ein Paradefall. Nachdem die Sowjetunion den im ersten Interimsabkommen – Salt I – festgeschriebenen qualitativen Vorsprung Amerikas früher als erwartet aufgeholt hat (eine Überraschung, die nur mit der Arroganz amerikanischer Rüstungsexperten zu erklären ist), haben die Vereinigten Staaten einen weiteren waffentechnischen Sprung nach vorn gemacht: Aus den Mehrfachsprengköpfen einer Rakete, den sogenannten Mirvs, werden nunmehr einzeln ins Ziel lenkbare Sprengköpfe, die sogenannten Marvs.

Ideologie und Praxis