Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben", sagte Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. "Und wenn die Herrschaften an den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch Ferien, Diederich!"

"Diederich", wir erinnern uns, ist der alte Schwarzkopf in Travemünde, Lotsenkommandeur. In seinem Haus in der Vorderreihe soll Tony Buddenbrook einige Wochen verbringen, um, nein, nicht um Ferien zu machen, sondern um sich an den Gedanken zu gewöhnen, ihren Eltern zur Freude und der Handlung Johann Buddenbrook zum Nutzen den Antrag des gräßlichen Herrn Grünlich doch anzunehmen. "Die Herrschaften": das sind Tony und ihr Bruder Tom, der sie begleitet hat, zwei Stunden dauerte die Fahrt von Lübeck nur in der großelterlich Krögerschen Equipage, für die eine normale Droschke drei Stunden brauchte. "Doch Ferien" hat schließlich der junge Schwarzkopf, Morten, denn er ist Student der Medizin in Göttingen, und Tony wird, bei Meidung der Badepavillons der Hamburger und Lübecker Society, oft mit ihm "auf den Steinen sitzen".

"Doch Ferien" haben seit Beginn dieser Woche ein paar Millionen Bundesbürger, die meisten von ihnen sind Schülerinnen und Schüler der Bundesländer Hessen, Hamburg und Schleswig-Holstein, und damit hat begonnen, was Zeitung und Fernsehen gern die Ferienwelle nennen. Was eine Ferienwelle ist, kann man aus den Verkehrsnachrichten im Radio hören und aus den Abendnachrichten im Fernsehen ersehen: Wartezeiten von fünf Stunden am Grenzübergang nach Österreich und Dänemark, überfüllte Züge, Schlangen an den Abfertigungsschaltern der Flughäfen, drei Kilometer langer Stau auf der Autobahn Hamburg–Lübeck; Auspuffwölkchen, Signale des Wartens, ringeln sich blau zum Himmel empor, sofern sie nicht beim Hintermann vom Entlüfter ins Auto geblasen werden. "Was für prachtvolle Luft!" sagt Tony Buddenbrook, als sie mit der Familie Schwarzkopf am Kaffeetisch auf der Veranda an der Vorderreihe sitzt und auf die Trave schaut. "Man riecht den Tang bis hierher."

"Doch Ferien" haben in unserem Sprachgebrauch all jene, die Schul- und Universitätsferien haben, und weil man dieses Übermaß addierter Feiertage irgendwie rubrizierend rechtfertigen muß, hat man das, was in der Gerichtssprache des 16. Jahrhunderts als "geschäftsfreie Tage" begann und im lateinischen feriae seinen feierlichen Ursprung hatte, inzwischen unter kluger Nutzung kirchenkalendarischer und jahreszeitlicher Möglichkeiten rubriziert in Osterferien und Pfingstferien und Sommerferien und Herbstferien und Weihnachtsferien.

Diese Ferienmacher reagieren gern verständnislos bis ärgerlich, wenn eine andere Spezies Erholungsuchender ihnen die Zahl der "geschäftsfreien Tage" nachrechnet: Es handelt sich dabei um die Urlaubnehmer, die, je nach Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit und anderen Nachweisen der Gebrechlichkeit eine Zahl von "geschäftsfreien Tagen" zubemessen bekommt, die weit unter dem liegt, was Ferienmachern zugestanden wird. Denn Ferien kann man machen, aber Urlaub nur nehmen, und das heißt, die Erlaubnis zugestanden bekommen zu zeitweiliger Befreiung aus dem Arbeitsverhältnis. (Begonnen hat der Urlaub übrigens als reine Männersache: daß sie "urloup nemen" müßten, fanden die vom Minnedienst erschöpften Männer des Mittelalters, wenn es an der Zeit war, sich einmal wieder anderswo umzuschauen.) Heutzutage geht der Riß zwischen Ferienmachern und Urlaubnehmern oft durch die ganze Familie: Vater ist Student, Mutter Sekretärin, die Tochter geht zur Schule.

"Thomas erschien mit der Krögerschen Kalesche. Der Tag war da." Der Tag, mit dem Tonys Zeit zur Einübung in den Gehorsam abgelaufen war, Mortens Ferien hatten schon früher geendet, es war kalt und windig, September. Tony, in die Wagenecke gedrückt, weinte plötzlich bitterlich. "Das gibt sich. Man vergißt...", sagte Tom. "Aber ich will ja gerade nicht vergessen!" ruft Tony verzweifelt.

Der nächste Urlaub kommt bestimmt. Und die nächste Ferienwelle in drei Wochen.

Petra Kipphoff