Von Rolf Runkel

Die Anordnung kam vom Erziehungsministerium, und Brasiliens Schulkinder nahmen sie jubelnd zur Kenntnis: drei Tage schulfrei im Falle eines Titelgewinns. Elf Minuten vor Schluß des Finales platzten die Fußballferien. Uruguays Stürmerstar Ghiggia hatte das 2:1 erzielt, die Urus waren Weltmeister. Noch Stunden nach Anbruch der Dunkelheit saßen Zigtausende wie betäubt auf ihren Plätzen. Das sind nicht Auszüge aus einem Science-fiction-Roman über die WM 1978 in Argentinien, sondern Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 1950 in Rio. Keine Schriftstellerphantasie hätte die gigantische Friedhofsatmosphäre übertreffen können: Ein ganzes Land trauerte. Brasiliens Fußball hat seit jener Zeit etwas mit der Roman- und Theaterwelt gemein: das ewige Sterben.

Die Europäer gaben ihnen Ende des 19. Jahrhunderts den Ball und verwendeten seither viel Zeit, ihn zurückzubekommen. Es ist soweit: Inzwischen kopiert der Weltmeister den Lehrling, bringt aber lediglich eine klägliche Karikatur zustande. Rivelino und Co. werden in Europa mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Holland, Polen oder die Bundesrepublik spielen längst brasilianischer als die Brasilianer. Wer an Mexiko denkt, dem fließt ein Hauch von Nostalgie in die Schreibmaschine. Sie sind nicht Erfinder dieser Sportart, sicher aber ihr Zeremonienmeister, der die Rituale zur Perfektion entwickelte. Pelé, Gerson und Tostao spielten vor vier Jahren Fußball im Stile der Harlem-Globetrotters, sie tanzten Samba mit dem Ball. Manche sagen: Brasilien ohne sie, das ist wie Rio ohne den Zuckerhut. Recht haben sie, denn mit dem "magischen Dreieck" wich auch die Inspiration. Heute sieht ihr Fußball nach Schwerstarbeit aus, er ist es auch und schon lange kein Kunstgenuß mehr. Nehmen wir Rivelino. Er hat zwar nur einen Fuß, den linken, den aber benutzte er in Mexiko wie eine Hand und machte alles damit. Rivelino schießt zwar immer noch Tore, produziert sich aber vorwiegend als streitsüchtiger Kampfhahn. Oder Paulo Cesar, der Sammy Davis junior des Teams. Ein Bohemien mit dem Renommee eines George Best und einer Spiel weise, als müßte er sich ständig für kommende Aufgaben schonen. Schließlich Jairzinho. Mit der Reputation "bester Rechtsaußen der Welt" angetreten, läuft er verzweifelt seinem Ruhm nach und stolpert dabei ständig über die eigenen Füße. Brasilien, das in drei gewonnenen Weltmeisterschaftsendspielen zwölf Tore schoß, besitzt keinen goalgetter. Wie ist das möglich in einem Land von 85 Millionen Fußballern? Eine Frage, die sich auf dem engen Raum eines Kreuzworträtsels nicht beantworten läßt.

Das Auftreten des Weltmeisters ist eine Kette von Mißverständnissen. Anfangs galt die Empörung der harten und rücksichtslosen Spielweise. Wer nur an technisch brillantes Spiel lateinamerikanischer Ballartisten glaubt, dessen Gedanken laufen Illusionen nach. Brasiliens WM-Historie war immer auch Chronique scandaleuse, niemals nur Fair-play-Demonstration. Aus dem Kriegstagebuch seien erwähnt: die Schlacht von Bordeaux 1938 gegen die Tschechoslowakei, die Schlacht von Bern 1954 gegen die Ungarn oder die Schlacht von Liverpool 1966 gegen Portugal. Das Spiel der Brasilianer hat seine Unschuld längst verloren. Sicher würden auch sie lieber Fußball spielen, nur haben sie im Moment nicht die Spieler dafür, wohl auch nicht den Trainer.

Mario Zagallo ist der einzige coach, der Fußball am liebsten mit zehn Verteidigern spielen würde. Seine Taktik ergibt sich aus seinem Lebenslauf. Was eine Niederlage ist, weiß er nicht, hat es nie erfahren, weder als Spieler noch als Trainer, obwohl er an vier Weltmeisterschaften teilnahm. Solchermaßen vom Schicksal verwöhnt, dabei von Jugend an extrem abergläubisch, geriet er in den Bannkreis spiritistischer Kräfte und gewöhnte sich an den Gedanken überirdischer Beratungsstellen. Auf seinem Nachttisch liegt neben einer WM-Broschüre ein Buch über Chico Xavier, den McLuhan Brasiliens. Von Leuten, die ihn gut kennen, ist zu hören, er betreibe Verteidigung als Imagepflege nach dem Motto: Wer nie verliert, ist unbesiegbar. Der Gedanke, daß der Fußballsport und Millionen Zuschauer die wahren Verlierer sind, stört ihn nicht. Seine Devise heißt: Vorsicht und Fleischbrühe schaden niemandem. Es bedurfte seiner besonderen Mentalität, den Brasilianern das angeborene "spielen" auszutreiben, den instinktiven Angriffsfußball zu unterbinden, überhaupt: ihnen Disziplin beizubringen. Einen Titel, der immerhin 10 Millionen Mark kostete, sicherte er der Mannschaft schön vor Beginn der Endrunde: Sie sind Trainingsweltmeister. Im Februar ging Zagallo mit dem Team in ein Kloster, heute leben die Brasilianer tatsächlich wie Mönche und igeln sich im Howard-Hughes-Stil auf den oberen Hoteletagen ein. Würde es nicht groß an ihrem Autobus stehen, niemand könnte von ihrem Lebensstil die Nationalität ableiten. So leben sie seit vier Monaten, wen wundert es, daß ihnen auf dem Spielfeld die Imagination fehlt?

Sie mögen jetzt rationeller, nüchterner spielen, aber beschwingter, phantasievoller agierten sie zu jener Zeit, als die einzige Auflage darin bestand, die Mädchen nicht während der Woche zu wechseln. Vor Mexiko pflegte ihr damaliger Trainer João Saldanha zu sagen: "Zweimal Honeymoon in einer Woche ist zu anstrengend. Exzeß ist der einzige Feind." Es mag sein, daß sich die Gewinnchancen unter Zagallo erhöht haben, aber mit Saldanha muß selbst das Verlieren Spaß gemacht haben. Heute spielen sie mit doppelter Belastung: gegen ihre Gegner und gegen ihre Natur. Sie haben jetzt vier Jahre Zeit, sich wieder an den Sinn des Fußballspiels zu erinnern, der darin besteht, Tore zu erzielen.