Von François Bondy

Das erste Buch, das Michel Foucault veröffentlicht hat, hieß "Geisteskrankheit und Psychologie" – der Autor war damals 28 Jahre alt. Er war wenig über 40, als er in der Nachfolge des relativ früh gestorbenen Maurice Merleau-Ponty den Lehrstuhl für Philosophie am College de France erhielt – die höchste akademische Ehrung, die Frankreich zu vergeben hat. Dies war einst der Lehrstuhl von Henri Bergson, mit dessen Ausstrahlung Michel Foucaults Erfolg beinahe vergleichbar ist.

Von seinem ersten Buch und überhaupt von Psychologie wollte Foucault später nichts mehr hören; das wird in Walter Seitters aufschlußreichem Nachwort zu dem Buch "Von der Subversion des Wissens" mitgeteilt, in dem sich auch eine nützliche Bibliographie von Foucaults Schriften findet. Foucault ist Ideenhistoriker, Epistemologe, Philosoph; er hat neben den Werken "Die Geschichte der Klinik", "Der Wahnsinn im klassischen Zeitalter" (jetzt ein Suhrkamp-Taschenbuch: "Wahnsinn und Gesellschaft") und dem Buch "Les mots et les choses" ("Die Ordnung der Dinge"), von dem rasch 30 000 Exemplare verkauft wurden und auf dem sein Ruhm gründet, viele Studien über Literatur und Kunst veröffentlicht, angefangen von einem Buch über den genialen Exzentriker Raymond Roussel bis zu einer vorzüglichen Studie über Magritte. Ein Band "Literarische Aufsätze" liegt jetzt gleichfalls vor. Wir haben es also mit drei neuen Foucault-Veröffentlichungen zu tun –

Michel Foucault: "Von der Subversion des Wissens", aus dem Französischen und herausgegeben von Walter Seitter; Reihe Hanser 150, Hanser Verlag, München 1974; 178 S., 9,80 Mark

Michel Foucault: "Dies ist keine Pfeife", mit zwei Briefen von René Magritte, aus dem Französischen und Nachwort von Walter Seitter; Hanser Verlag, München 1974; 71 S., 15,–Mark

Michel Foucault: "Schriften zur Literatur", aus dem Französischen von Karin von Hofer und Anneliese Botond; Sammlung Dialog, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1974; 178 S., 22,– Mark.

Das Interesse an Foucaults Schriften muß sehr groß sein, wenn zwei seiner literarischen Essays – über Georges Bataille, über Maurice Blanchot – gleichzeitig, in verschiedenen Übersetzungen, in verschiedenen Verlagen (Hanser und Nymphenburger) erscheinen. Die Übersetzung im Band "Schriften" ist bis zur Umständlichkeit genau, die bei Hanser flotter, leichter zu lesen. So heißt es bei Karin von Hof er "die Sinne schwinden machende Herzensergießung und bei Walter Seitter "das ohnmächtige Verströmen". Die freiere Übersetzung ist vertretbar, weil sich Foucault zwar als strenger Systematiker gebärdet, dies aber im Grunde nicht ist, sondern als Nietzsche-Epigone alle Musik und Magie der Sprache einsetzt, um zu faszinieren und mitzureißen.