Die Gründung eines "Europäischen Zentrums für Berufsbildung" plant die Europäische Kommission in Brüssel. Vor wenigen Wochen hat sie ihren Vorschlag an den Ministerrat geschickt, und in Brüssel rechnet man damit, daß die Minister spätestens im Herbst dieses Jahres grünes Licht geben. Schon 1975 könnte das Zentrum dann mit seiner Arbeit beginnen. Der EG-Finanzplan sieht dafür bereits fast zwei Millionen Mark vor.

Es ist recht unwahrscheinlich, daß das EG-Zentrum dem Turiner Berufsfortbildungszentrum der Internationalen Arbeitsorganisation "das Wasser abgraben" wird. Denn die Ziele, die man von Brüssel aus verfolgt, unterscheiden sich doch wesentlich von denen der Internationalen Arbeitsorganisation. Brüssel will mit seinem Zentrum in erster Linie die EG-eigene Berufsbildungspolitik technisch und wissenschaftlich unterstützen, während die Turiner Einrichtung in erster Linie für die Entwicklungsländer gedacht ist.

Die europäische Berufsbildungspolitik, seit Jahren mit immer neuen Grundsatzpapieren, Empfehlungen der Kommission und des Rates sowie Programmentwürfen angesteuert, steckt immer noch in den Anfängen. Zwar hatte der EG-Rat schon 1963 – damals der Zeit weit voraus – in "Zehn Grundsätzen" das Recht jedes einzelnen auf eine angemessene Berufsausbildung postuliert; zwar existiert eine Ministerratsempfehlung aus dem Jahr 1970 zu Mindestanforderungen bei der Berufsausbildung der Fachrichtungen Dreher, Universalfräser und Universalschleifer; doch der große Wurf für eine "gemeinsame Politik der Berufsausbildung" ist bisher ausgeblieben.

Er soll jetzt kommen. Entscheidender Schritt soll die Errichtung des EG-Berufsbildungszentrums sein. Vier Aufgaben hat man dem Zentrum zugedacht:

Dokumentation, Information, Forschung, Modellversuche. Die Dokumentation, während der ersten Zeit sicher Haupttätigkeitsgebiet, soll eine umfassende Bestandsaufnahme der derzeitigen Situation der Berufsausbildung in Forschung und Lehre in allen Ländern der Gemeinschaft bringen. Die Information über alle Sammelergebnisse soll den bisher nur spärlich fließenden Informationsaustausch über die Grenzen hinweg, u. a. durch die Herausgabe einer Zeitschrift, verstärken. Die eigene Forschung wird sich in engen Grenzen halten, wie schon aus der Zahl der geplanten Mitarbeiter (20 bis 25) deutlich wird. Hier denkt man wohl auch eher daran, neue Projekte in bestehenden Instituten anzuregen und möglicherweise finanziell zu unterstützen. Auch bei den geplanten Modellversuchen wird man sich auf die Einschaltung nationaler Institutionen beschränken müssen.

Die EG-Kommission hofft, durch das Zentrum, das als "Organ mit eigener Rechtspersönlichkeit, aber enger Verbindung zu den Gemeinschaftsorganen" konzipiert wird, die Sozialpartner in steigendem Maße an EG-Entscheidungen zu beteiligen. Der Verwaltungsrat des Zentrums soll deshalb drittelparitätisch besetzt werden: je fünf Vertreter der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer und der EG-Kommission. Kurt-Jürgen Maaß