Die Court Line suchte die Hilfe der Regierung und verhalf ihr zu einem Propagandaerfolg

Anthony Wedgwood Benn, Industrieminister der Labour-Regierung, frohlockte: Court Line hat die Regierung um Unterstützung ersucht." Nichts konnte dem linken Labour-Mann im Kabinett Wilson mehr gelegen kommen als der Hilferuf der in Not geratenen Manager. Mitten in der Kontroverse über die Verstaatlichungspläne der Labourparty verschafften Vertreter der Privatwirtschaft dem unermüdlichen Advokaten für die Ausweitung des staatlichen Sektors ein Propagandageschenk.

Das Vorhaben war wie maßgeschneidert. Die Manager erschienen mit dem Hut in der Hand beim Vater Staat, nachdem eine private Rettungsaktion nicht zustande gekommen war. Benn ließ sich nicht lange bitten. Denn Court Line hatte etwas zu bieten, worauf der Minister schon lange sein Auge geworfen hat: Werften, Schiffsmaschinenbau, Reparaturdocks. Kurz entschlossen griff Benn zu und kaufte der notleidenden Gruppe für 96 Millionen Mark diese Interessen ab.

Auf diese Weise bringt er die Verstaatlichung voran, ohne selbst der Initiator zu sein. Er erscheint als der Retter von fast 9000 Arbeitsplan zen, noch dazu in den Notstandsgebieten des Landes. Zudem sichert er die Urlaubsreisen für einige hunderttausend sonnenhungrige Briten, die mit den zur Court Line-Gruppe gehörenden Touristikgesellschaften Reisen nach Mallorca und zu anderen Plätzen am Mittelmeer gebucht hatten. Und schließlich erfolgt die Verstaatlichung unter einem Gesetz, das noch die letzte konservative Regierung durchgebracht hatte.

Die Ursache der Misere liegt im Touristikgeschäft. Court Line hat sich mit dem Erwerb der Reiseunternehmen Clarksons und Horizon Holidays völlig verkalkuliert. Seit einiger Zeit befindet sich die Reisebranche in Großbritannien in einer wirtschaftlichen Schlechtwetterperiode, Schon im letzten Jahr zeichnete sich ab, daß der Markt schrumpfte statt zu wachsen. Überkapazitäten drückten auf die Gewinnspannen.

Die Schwierigkeiten der Reiseveranstalter waren wohlbekannt. Es war daher keine große Überraschung, als Clarksons, die größte Firma auf diesem Markt, schwankte. Court Line mußte befürchten, daß sie von Clarksons’ Schwierigkeiten in Mitleidenschaft gezogen würde. Denn Court Line flog die Clarksons-Kunden und hatte in Erwartung einer Expansion ihre Flotte erweitert und Großraumflugzeuge des Typs TriStar angeschafft. Court Line ergriff die Flucht nach vorn und kaufte den Großkunden auf. Als schließlich auch die Firma Horizon Holidays vor dem Bankrott stand, griff Court Line abermals zu und fand sich plötzlich in der Situation des größten Reiseveranstalters in Großbritannien. Der ersehnte Aufwind am Reisemarkt blieb indes aus.

Die Manager von Court Line, die auch über eine Reederei verfügt, boten Schiffe auf dem Markt feil, um sich aus der Geldklemme zu befreien. Aber diese Verkaufsaktion half auch nicht mehr. Auch die Werften konnten nicht in ein Rettungsunternehmen eingebracht werden, denn wer wollte schon Geld im Schiffbau investieren, der – zusammen mit der Flugzeugindustrie – auf Labours Verstaatlichungsliste ganz oben steht. Wütend beschuldigte der konservative Industriesprecher Michael Heseltine seinen Opponenten Benn denn auch, er selbst habe mit seiner Verstaatlichungsdrohung eine privatwirtschaftliche Lösung unmöglich gemacht.

Die Zuckerfirma Tate + Lyle, Vorkämpfer für freies Unternehmertum, machte eine letzte politische Geste. Am selben Tag, als Benn den Abschluß der Verhandlungen mit Court Line bekanntgab, boten die selbst von Verstaatlichung bedrohten Zuckerproduzenten an, von Court Line die kleine Werft Appeldore in Devon zu kaufen. Aber dazu ist es wahrscheinlich zu spät. Court Line ist froh, Geld zu bekommen, um das Touristikgeschäft durch die Durststrecke zu bringen. Und Minister Benn ist nicht bereit, auch nur einen Teil der Interessen abzugeben, die ihm auf dem Weg zur vollen Verstaatlichung dieser Industrie in die Hand gefallen sind. Sie sind, wie Benn verspricht, "eine große Bereicherung für den staatlichen Sektor". Wilfried Kratz