DIE ZEIT

Ordnungsruf für die Jusos

Die SPD ruft sich selber zur Ordnung. Dem Kanzlerwechsel und der Kabinettsumbildung ist ein Machtwort des Parteivorstands gefolgt, das die babylonische Sprachverwirrung in der SPD beenden soll.

Pleite und Moral

Die Szene weckt Erinnerungen. Weinende Sparer vor den geschlossenen Schalterhallen der Herstatt-Bank im Juni 1974 – weinende Sparer vor den Filialen der Danat-Bank im Juli 1931.

Ablösung in Bonn

Walter Scheel, der als neuer Bundespräsident in die Villa Hammerschmidt eingezogen ist, muß nicht, wie sein Vorgänger Gustav Heinemann, befürchten, daß ihn übertriebene Hoffnungen und Ängste begleiten.

Werden die Reformen geopfert?

Bundespräsident Gustav Heinemann hat in seiner Abschiedsrede noch einmal von seinem Vorrecht Gebrauch gemacht, wider die gängige Konvention zu Felde zu ziehen.

Zeitspiegel

Ganz behutsam sucht die CDU-Führung nach einer attraktiven Aufgabe für ihren früheren Vorsitzender Dr. Rainer Barzel, die allerdings zwei delikate Voraussetzungen erfüllen muß: Sie müßte Barzel Verantwortung im Bereich der Außenpolitik geben, ohne in ihm gleichzeitig neue Ambitionen für eine CDU-Karriere zu fördern.

Terror, Tod und dunkle Träume

Wenn ich nichts zu sagen habe, dann halte ich den Mund." Doch bisher wußte er noch immer etwas zu sagen: Idi Amin, etwa 50 Jahre alt, 1,98 Meter groß, über zwei Zentner schwerer ehemaliger Box-Champion des Landes, General von eigenen Gnaden, und seit seinem Staatsstreich 1971 rücksichtsloser Militärdiktator von Uganda und selbsternannter "neuer Prophet Allahs", überschüttet die Welt mit Telegrammen, Botschaften und unerbetenen Ratschlägen seltsamen Inhalts.

Zieht sich Nixon aus der Schlinge?

Könnte Nixon sich selber Straffreiheit gewähren? Die Frage mag grotesk klingen. Aber daß sie in diesen Tagen in Washington öffentlich gestellt wird, ist ein Symptom für die allgemeine Frustration, die das scheinbar endlose Impeachmentverfahren zur Folge hat.

Die große Schau ist vorbei

Die Moskauer Gipfelschau ist wieder einmal vorbei. Die Scheinwerfer sind erloschen, die Trinksprüche verklungen, das Echo der Krimsektkorken ist verhallt, die Tinte unter dem in zaristischen Prunksälen gemeinsam Unterschriebenen getrocknet.

Die Erben eines Mythos

Fast zwei Jahrzehnte, von 1955 bis 1973, hat Argentinien die Lösung seiner wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme in der Hoffnung auf ein Wunder, im blinden Vertrauen auf den Peronismus vor sich hergeschoben.

Italien: Scherbengericht für Fanfani

Die Flut steigt – doch statt eilig Dämme zu errichten, debattieren Italiens Katastrophen-Experten und überbieten sich in Beschwörungsformeln.

Der andere Krieg

Die Androhungen und Angebote waren absichtlich vorsichtig und vage formuliert: Israels Verteidigungsminister Peres erklärte, für den Libanon habe die "elfte Stunde" geschlagen, nicht schon die zwölfte; Ägyptens Staatspräsident Sadat meinte zu seinem militärischen Beistandsanerbieten an Beirut, es sei Sache des Libanon, ob es die MIG-Bomber zur Verteidigung gegen israelische Luftangriffe annehme.

Flickenteppich – neu gemustert

Hans Albrecht, Oberforstdirektor und liberaler Abgeordneter der Opposition, war den Tränen nahe: "In Hunderten von Gemeinden wird das Geschichtsbuch zugeschlagen!" Tatsächlich hat die CDU im Stuttgarter Landtag, die mit 65 von 120 Abgeordneten die absolute Mehrheit besitzt, ein neues Kapitel südwestdeutscher Lokalgeschichte aufgeschlagen, das nicht nur für das Neckarland den wohl schärfsten Eingriff in die Staatsorganisation seit dem Reichsdeputationshauptschluß mit sich bringt, sondern das sich auch deutlich von allen anderen Gemeindereformen in den übrigen Bundesländern unterscheidet.

Angst vor der "Bombe"

Mit Mistgabeln, Traktorumzügen und Gerichtsverfahren wollen Bauern, Tierfreunde und Naturschützer im süddeutschen Donauried verhindern, was den Experten als ideales Massenfahrzeug der Zukunft vorschwebt.

Eine Bilanz der Unvernunft

Semper idem – immer die gleiche Nachricht von der Rüstungsfront: Es wird weiter entwickelt und produziert, allen Abrüstungsgesprächen zum Trotz und um alle bestehenden Begrenzungsverträge herum.

Beckenbauer: Des Kaisers neue Masche

Der Sieg hat viele Väter" – wer dächte nicht an diesen Ausspruch, wenn man die Reaktion der Fans auf die Erfolge der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der 2.

Cruyff: Karajan und Nurejew zugleich

Aufhören – aufhören" – dieser Chor ertönte zum erstenmal bei der X. Fußball-Weltmeisterschaft beim Spiel Brasilien – DDR in Hannover.

NACHRICHTEN DER WOCHE

Das niedersächsische Landtagswahlergebnis vom 9. Juni wird – mit Ausnahme des Wahlkreises Northeim – noch einmal überprüft. FDP und CDU hatten Zweifel an den Zahlen geäußert: So will die Union bei Stichproben aus dem Bereich Hannover ein Plus an CDU-Stimmen ermittelt haben, das ausreichen würde, ihr das in Northeim verlorene 77.

Guillaume: Nicht in Beweisnot

Im Streit über die Reihenfolge der Untersuchungsthemen im Guillaume-Ausschuß bahnte sich zu Wochenbeginn ein Kompromiß zwischen Koalition und Opposition an.

SPD: Jusos gerügt

Die Führungsgremien der SPD haben sich am Wochenende mit der Rolle der Arbeitsgemeinschaften in der Partei beschäftigt. Der Vorstand stellte fest, daß Bildung oder Verbot einer Arbeitsgemeinschaft allein in seine Zuständigkeit falle.

Nixon in Moskau: Großer Empfang – mäßiger Erfolg

Der amerikanische Präsident Nixon ist am Donnerstag voriger Woche – nach einem Zwischenaufenthalt in Brüssel, wo eine Deklaration über die politischen und militärischen Ziele der Nato unterzeichnet wurde – zu seinem dritten Gipfeltreffen in Moskau eingetroffen.

Lübecker Bucht: Klare Grenze

Die Mitglieder der Grenzkommission beider deutscher Staaten haben jetzt einen Protokollvermerk über den Grenzverlauf in der Lübecker Bucht und eine Regierungsvereinbarung über Fischerei-Rechte unterzeichnet.

Reformgesetze: Neue Verzögerung

Die Auseinandersetzungen zwischen der Unionsmehrheit im Bundesrat und der sozial-liberalen Mehrheit im Bundestag (und Vermittlungs-Ausschuß) gehen weiter.

Naher Osten: Signal aus Israel

Diplomatische und militante Signale wurden im Nahen Osten ausgetauscht. Israels Ministerpräsident Rabin erklärte sich bereit, mit Ägypten als nächsten Schritt zur Konfliktlösung eine Art Grundlagenvertrag abzuschließen und zur Genfer Friedenskonferenz "gemäßigte Palästinenser" innerhalb der jordanischen Delegation zu akzeptieren.

Putschisten am Ziel?

In Äthiopien hat am Wochenende das Militär endgültig die Macht an sich gerissen. Einheiten der äthiopischen Armee besetzten strategisch wichtige Punkte der Hauptstadt Addis Abeba.

Watergate: Plädoyer für Nixon

Mitte vergangener Woche begann der erste große, von Watergate-Sonderankläger Jaworski vorbereitete Prozeß gegen den früheren innenpolitischen Berater Nixons, John Ehrlichman, und drei "Klempner".

NAMEN DER WOCHE

Pjotr Grigorenko, sowjetischer Dissident, ist nach mehr als fünfjähriger Zwangsunterbringung in Nervenheilanstalten freigelassen worden.

Väter und Söhne

Berliner Filmfestspiele: Das Kino erzählt wieder private Geschichten / Von Wolf Donner

Zeitmosaik

Was der Mitte den schlechten Ruf eingetragen hat: daß man sich dort nicht engagieren und entscheiden mag. Die Mitte wäre ein kleinerer und befriedigenderes Standort, wenn nur die, die wirklich für dieselbe arbeiten, zum Tragen des Ordens der goldenen Mitte kürbar wären.

Filmtips

"Stoßtrupp ins Jenseits" von Paolo Heusch. Ein kurioser kleiner italienischer Film über die letzten Wochen von Che Guevara im Dschungel von Bolivien.

Schneller Maler

Cranach in Basel: mit zweijähriger Verspätung wird die Ausstellung nachgeliefert, die zur Feier seines 500. Geburtstages fällig gewesen wäre.

Die neue Schallplatte

Wenn Artur Schnabels Bericht wörtlich zu nehmen ist, dann war im Wien der Jahrhundertwende selbst unter Musikern unbekannt: daß Mozart Klavierkonzerte, daß Beethoven eine Hammerklaviersonate und Diabelli-Variationen, daß Bach Goldberg-Variationen, daß Schubert Klaviersonaten geschrieben hat.

Kunstkalender

Eine seltene und glückliche Gelegenheit, speziell für Sammler und Liebhaber, ein zeitlich und thematisch begrenztes Gebiet der Handzeichnung gründlich zu studieren, sich auch unter den Kleinmeistern umzusehen, die oft nur geringfügigen Unterschiede in der Handschrift, in der Schraffur, in der Verteilung von Licht und Schatten wahrzunehmen.

Gespreizte Einfalt

Das erste Buch, das Michel Foucault veröffentlicht hat, hieß "Geisteskrankheit und Psychologie" – der Autor war damals 28 Jahre alt.

Es ist schade, um Heike und Berta: Kunsttörtchen

Von Frau Mittermaier wird gesagt, ihr Leidensfluß habe sie in den Strudel gezogen, so daß sie sich nun habe hinaustreiben lassen müssen "mit make-up-geschändetem Gesicht".

Frauenarbeit: Wohin mit den Kindern?

Die Berufstätigkeit verheirateter Frauen mit Kindern wird gern als "Hobby" abgetan, als eine eigene Entscheidung, mit der gefälligst jede Frau selber fertig werden müsse.

Chancen in Heidelberg

Es hat sich zwar herumgesprochen, daß Behinderte die Möglichkeit haben, mit Hilfe des Arbeitsamtes ihre Berufsausbildung abzuschließen oder sich für einen neuen Beruf umschulen zu lassen.

Große Pläne in Brüssel

Die Gründung eines "Europäischen Zentrums für Berufsbildung" plant die Europäische Kommission in Brüssel. Vor wenigen Wochen hat sie ihren Vorschlag an den Ministerrat geschickt, und in Brüssel rechnet man damit, daß die Minister spätestens im Herbst dieses Jahres grünes Licht geben.

Solidarität entwickeln

Arbeiter, das sind Hilfsarbeiter, Facharbeiter, Akkordarbeiter, Schlosser, die nur noch als Transportarbeiter unterkommen, Frauen am Montageband einer Telephonfabrik, Kesselbauer, deren Produktion stillgelegt werden soll, Pendler und Gastarbeiter, Vertrauensleute und Betriebsräte.

Stichworte und leichtes Rosarot

Zwei Kölner unterhielten sich: die Hausfrau Gertrud Hamacher und der Schriftsteller Heinrich Böll. Der Tonfall war gleich, beide formulierten ihre Sätze in melodisch klingender rheinischer Mundart; das Erinnerungsreich war gleich, beide kannten das Ritual kölnischer Kinderspiele, beide argumentierten auf jener Ebene, wo man in einem Atemzug "Faschismus" und "Peter und Paul" sagt; die Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus war, läßt man den Unterschied zwischen einer kommunistischen und einer antifaschistisch-demokratischen Position außer acht, ebenfalls gleich.

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