Von Wolfram Siebeck

Es ist nur wenige Jahre her, da interessierte sich ein großer Teil der Menschheit für die Frage, welche Dinge "camp" seien und welche Dinge nicht. Heute interessiert sich kaum noch jemand dafür, was "camp" überhaupt war. "Camp" ist nämlich "out". Wenn heute etwas "out" ist, so ist das fast noch schlimmer, als wenn damals etwas nicht "camp" war – und das war schon schlimm genug. Ich erinnere mich, daß besonders den Filmern scharf auf die Finger geguckt wurde. War das Zelluloid von Bertolucci belichtet – o. k.; wehe aber, wenn Fritz Lang dafür verantwortlich war. (Oder umgekehrt.) Das ist aber alles nichts im Vergleich mit dem Schock, den man kriegt, wenn man erfährt, daß ein Vorbild nicht mehr "in" ist, sondern "out". Jawohl, ich spreche von Gunter Sachs.

Da ist ein Mann, dessen Begleiterin, Halstücher und Rodeltechnik jahrelang als Maßstab dafür galten, wovon einer, der "in" sein will, sich begleiten lassen, was er um den Hals binden und wie er rodeln muß. Dieser Mann also, der uns Deutschen immerhin so viel Weltgeschichte verschafft hat wie elf ausgewachsene Fußballspieler zusammen oder 3000 Volkswagen pro Tag, dieser Mann ist von einem auf den anderen Tag "out"! Wie konnte es dazu kommen, daß das amerikanische Magazin "W" ihn jetzt von der "In"-Liste gestrichen hat?

Es ist uns gelungen, den Moment dieser folgenschweren Wertverschiebung zu rekonstruieren. Rainer-Maria Fassbinder wird darüber einen gesellschaftskritischen Film drehen. Wir geben eine Kurzfassung der entscheidenden Minuten.

BUTLER (öffnet die Tür): Guten Morgen, Sir! Es ist Freitag, der 13. Juni. Der Himmel ist leicht bewölkt. Ich bringe Ihren Tee und die Post. Draußen wartet eine Reporterin des amerikanischen Magazins "W".

(SACHS schläft.)

BEGLEITERIN (öffnet ein Auge): Reporterin?