Auch die jüngste Tageszeitung "Il Giornale" wird von der Großindustrie finanziert

Indro Montanelli, Chefredakteur und Zeitungsaktionär, wandte sich in eigener Sache an seine Leser. In Nummer 6 seines Blattes kündigte Montanelli am 30. Juni eine knappe Verdreifachung der Auflage an: "Il Giornale", jüngstes Produkt am italienischen Zeitungmarkt, hat innerhalb von nur sechs Tagen eine verkaufte Auflage von 282 000 Exemplaren erreicht.

Die erste Nummer mit 100 000 Startauflage hatte sich als zu gering erwiesen. Denn Italiener, die morgens nach neun Uhr beim Kiosk nach dem "Giornale" fragten, mußten auf den nächsten Tag oder mit einem anderen Blatt vertröstet werden, Allein Papiermangel und Druckschwierigkeiten verhinderten, daß die Auflage die 300 000-Marke überschritt.

Dabei verbreitet das "Giornale" nicht einmal Skandal- und Klatschgeschichten. Das Blatt bietet nichts anderes als jede gutgemachte und seriöse Tageszeitung der Welt auch.

Dem ehemaligen Starschreiber von Italiens größter und bisher bester Tageszeitung "Corriere della Sera" gefiel der intellektuelle Linksdrall in Italiens Bürgerblatt schon seit einem Jahr nicht mehr. Ein Zerwürfnis mit der neuen Direktion des "Corriere" hatte der streitbare Montanelli bald vom Zaun gebrochen. Die Verlagsspitze war ausgewechselt worden, nachdem die Turiner Fiat-Gruppe mit 50 Prozent Kapitalbeteiligung ihren Einzug in Mailands "Corriere" gehalten hatte. Freilich hatte Fiat-Chef Giovanni Agnelli, zu dessen Beteiligungen 100 Prozent der Turiner Tageszeitung "La Stampa" gehören, nicht ganz freiwillig zugegriffen.

Der "Corriere" (mit einer Auflage von 550 000 größte italienische Tageszeitung) hat wie die große Masse der italienischen Tageszeitungen seit zwei Jahren beträchtliche Verluste, weil die Regierung eine Erhöhung der staatlich festgesetzten Zeitungspreise verboten hatte. Die alte Verlegerfamilie Crespi sah sich nicht länger in der Lage, den "Corriere" weiter zu stützen. Als Interessent tauchte nicht nur die Staatsindustrie Eni, sondern auch der Gegenspieler der Fiat-Gruppe, der Chemie-Konzern Montedison auf. Die Eni hatte bereits in der Mailänder Tageszeitung "Il Giorno" (286000 Auflage) ein zwar verlustreiches, aber wirkungsvolles Sprachrohr. Allein Montedison war noch ohne eigene Zeitung. Doch Fiat-Chef Agnelli kam Montedison-Chef Cefis beim "Corriere" zuvor.

Der Großchemie-Boß Cefis indes holte zum Gegenschlag aus: Der Freund des christ-demokratischen Parteisekretärs Fanfani sicherte sich maßgeblichen Einfluß auf die von der Partei finanzierten und bis dahin von links-christlichen Kreisen beherrschte Turiner Zeitung "Gazetta del Popolo". Die zu Fiat gehörende überregionale "Stampa" (mit einer Auflage von 460 000 zweitgrößtes Blatt), im Ausland stets als Renommierblatt der italienischen Nation angesehen, steht seither unter verstärkter lokaler Konkurrenz.