Seit vier Monaten lebe ich in einer Wohngemeinschaft, da ich dieser Form des Zusammenlebens einen hohen politischen und pädagogischen Wert zuordne. Die Wohngemeinschaft bietet ihren Mitgliedern, da sie sich freiwillig auf Grund von gleichen Interessen zusammenschließen, ein hohes Maß an persönlicher Freiheit. Sie bietet eine faire Möglichkeit, ohne autoritäre Zwänge echtes demokratisches, soziales Zusammenleben zu erlernen.

Helma Riedel, 19 Jahre

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Wohngemeinschaften als Alternative zur Familie haben einen verlockenden Anschein: Mehr Freiheit, Selbstverwirklichung, Toleranz, Verantwortung, Mündigsein bei gleichzeitiger Minimalbindung. Das ist die Theorie. Und wie sieht die Praxis aus für ein naives Mädchen?

Manipulation von hinten bis vorn, in den meisten Fällen (wenn Mädchen und Jungen zusammen wohnen) sexuelle Besitznahme, rote Hände vom Kartoffelschälen, kaputte Typen trösten, sich ihre politischen Utopien anhören, feststellen, daß die Typen, mit denen man sich zusammengetan hat, dumm, faul, arrogant gegen andere (nicht der Wohngemeinschaft angehörende) sind, daß sie die Selbstverwirklichung eher behindern als fördern. Schließlich macht man die Feststellung, daß es sich auch nur um besitzgierige, neurotische Spießer handelt, die sich obendrein noch für progressiv halten, wenn auch mit anderen Vorzeichen.

Doch wer einmal in eine solche Wohngemeinschaft geraten ist, die wohl die Regel bildet, weiß nicht, wie er so schnell wieder heil da herauskommt. Zwangsläufig entsteht eine Solidarität, allerdings eine, bei der der Uneigennützigste ausgenutzt wird. Nein, Wohngemeinschaft, das ist nichts anderes als heile Welt und Fliehtraumfestung auf modern getrimmt, eine wunderschöne Lebenslüge.

Angelika Mogk, 18 Jahre