Sie ist eine beinahe archaische Krankheit und eine klassisch biblische obendrein. In der Bibel galt die Lepra als besondere Strafe und Fluch Gottes, und der sie zu heilen verstand, mußte ein besonders gottgefälliger und -erwählter Mann sein. Aber nicht nur den Söhnen und Nachkommen Abrahams war sie bekannt. Texte auf Knochenfunden der chinesischen Shang-Zeit, etwa 2000 v. Chr., beschreiben neben anderen Krankheiten auch die Lepra. Und Ägyptern, Mesopotamiern, Inkas und weiteren Kulturvölkern der Antike war sie gleichfalls vertraut. Festverankert bis auf den heutigen Tag begleiten sie zwei wesentliche Irrtümer im Volksglauben: Sie sei Aussatz und unheilbar. Aussatz bedeutete sie nur im Religiös-Gesellschaftlichen, und wahrhaftig unheilbar ist nur ein verschwindend geringer Bruchteil der an Lepra Erkrankten.

Der Norweger Gerhard Armauer Hansen, Direktor des damaligen Leprosoriums in Bergen, entdeckte 1873 unter dem Mikroskop das Mycobacterium leprae. Es ist damit für die Geschichte der Medizin der älteste bekannte bakterielle Krankheitserreger. Mit den später entdeckten Tuberkulosebakterien verbindet das mycobacterium leprae eine frappante Ähnlichkeit. Er besteht wie jene aus säurefesten Stäbchen, und auch das heute meistverbreitete Lepraheilmittel wurde ursprünglich in der Tuberkulosetherapie angewandt.

Etwa 15 Millionen Menschen sind heute leprakrank, so schätzt man unter Hinzurechnung der Dunkelziffer; denn rund 80 Prozent der Betroffenen sind unbehandelt. Der weitaus größte Teil der Leprösen lebt in der Dritten Welt, in den sogenannten Entwicklungsländern. Europa erlebte seinen endemischen Höhepunkt während des 13. Jahrhunderts. Nach einem allmählichen Nachlassen verschwand die Krankheit im 16. Jahrhundert hier fast völlig. Lediglich Spanien, Italien und Griechenland sind gegenwärtig noch in einem meßbaren Grad betroffen.

Mit dem allgemeinen, laienhaften Vorstellungsbild der Lepra sind Verstümmelungen und Deformationen ziemlich untrennbar verbunden. Nur ein Viertel der Leprösen weist dergleichen ’Entstellungen auf. Und sie sind nicht immer Auswirkung der Lepra, sondern sekundäre Folge.

Das mycobacterium leprae zerstört in der Hauptsache die Nerven, so daß sich der Kranke an den befallenen, gefühllosen Stellen eher, öfter und nachhaltiger verletzt als ein Gesunder. Bei der tuberkuliden Lepra, einer von vier zu unterscheidenden Arten, entstehen im fortgeschrittenen Stadium Muskelatrophien und jene bekannten Verstümmelungen von Hand und Fuß: Sie ist die einzige und verhältnismäßig seltene Variante von Lepra, die bedingte Verkrüppelungen hinterläßt.

Jene vier Unterscheidungsformen der Lepra schwanken innerhalb der Kontinente und Völker beträchtlich. Aus diesem Grund lassen sich auch keine objektiven Statistiken und Werte ermitteln.

Die häufigste Krankheitsform ist die indeterminierte (unbestimmbare) Lepra. Sie ist nur in den allerseltensten Fällen ansteckbar und hält zuweilen aus, ohne überhaupt bemerkt worden zu sein. Die tuberkulide Lepra ist die nächste Stufe.