Die Szene weckt Erinnerungen. Weinende Sparer vor den geschlossenen Schalterhallen der Herstatt-Bank im Juni 1974 – weinende Sparer vor den Filialen der Danat-Bank im Juli 1931. Hier endet freilich schon die Parallele: Die Pleite von Köln signalisiert nicht, wie vor 43 Jahren der Zusammenbruch der Darmstädter und Nationalbank, den Beginn einer großen Krise.

Eine Woche nach Aufdeckung des 500-Millionen-Verlustes darf als sicher gelten, daß Herstatt ein Einzelfall bleiben wird. Wo Schwierigkeiten auftreten – wie etwa bei dem Kölner Bankhaus Ferdinand Schröder & Co. – handeln die anderen Banken solidarisch und schnell. Die Bundesbank bekommt jetzt einen genauen Überblick über die Situation bei den Banken, weil ihr seit Montag alle Devisentermingeschäfte gemeldet werden müssen. Ein Flächenbrand wird sich also nicht ausbreiten. So bleibt die wichtigste Frage: Wie konnte das geschehen?

Die Suche nach den Schuldigen hat so recht Aufklärung noch nicht gebracht. Wäre der Fall nicht so ernst, könnte man es als Posse genießen, wenn Bankchef Iwan D. Herstatt im Fernsehen treuherzig versichert, er habe von den Vorgängen in seiner Bank nichts gewußt und sei das eigentliche Opfer. Daß Betrug im Spiel war, scheint festzustehen – doch wen wieviel Verantwortung trifft, kann letztlich nur das Gericht entscheiden.

Einige glauben freilich, den Schuldigen längst ausgemacht zu haben: das kapitalistische System. Die linken Dogmatiker leiern wieder die Forderung nach Verstaatlichung der Banken herunter. Als ob etwa im öffentlichen Besitz befindliche Banken vor Fehlspekulationen geschützt wären (Beispiele sind bekannt), als ob es nicht besonders verwerflich wäre, Verluste zu sozialisieren, also letztlich den Steuerzahler büßen zu lassen.

Freilich fällt es schwer, den Ärger darüber zu unterdrücken, wie leicht es manche Unternehmer den linken Rattenfängern machen. Hans Gerling, mit über 80 Prozent Anteil bestimmender Großaktionär, hat zu spät und zu zögernd gehandelt. Wie anders hätte die Herstatt-Pleite "abgewickelt" werden können, wenn Gerling als Alleinbesitzer eines großen Versicherungskonzerns von vornherein gesagt hätte: "Ich hatte mit meinem gesamten privaten Vermögen für die Schulden meiner Bank." Die Großbanken, die auch nicht voll ins Engagement gehen wollten (der Münchmeyer-Vorschlag eines Fonds aller Privatbanken ist ausgezeichnet, kommt aber für Herstatt zu spät), wären bei solcher Haltung des Eigentümers zu einer Rettungsaktion moralisch gezwungen gewesen.

Moral und Geschäfte gehen eben doch zusammen. Eine Bank braucht nicht nur Schalterhallen und Tresorräume, sondern das Vertrauen ihrer Kunden. Und Hans Gerling war als der Mann hinter Iwan D. Herstatt (siehe Seite 29) für Tausende Garantie dafür, daß bei dieser Bank "alles ordentlich zugeht". Nun hätte er nicht nur helfen sollen (was er weit über die juristische Verpflichtung hinaus tut), sondern voll einstehen müssen.

Wie eindrucksvoll hätte sich unsere Wirtschaftsordnung dargestellt, wenn wir heute sagen könnten: Die "Tage der Angst", die der Pleite von Köln gefolgt sind, hat es nicht gegeben – dank des moralischen Vorbilds eines großen Unternehmers. Schade. Diether Stolze