Von Jurg Altwegg

In Frankreich gehen seit zwanzig Jahren Chansons um, die tragen in sich einen Hauch von Freiheit, Anarchismus und Ketzerei. Es sind die Chansons von Georges Brassens. Die unlängst herausgekommene Gesamtausgabe bestätigt nicht bloß die ihm längst unterstellte Klassizität, sondern auch seine ungebrochene Beliebtheit. Die Kassette von nicht weniger als elf Schallplatten gibt zur Zeit den bemerkenswertesten Musik-Bestseller ab. Ihre Auflage von 25 000 Exemplaren zum Preise von je 220 Francs (oder etwa 135 Mark) ist bis jetzt schon zu gut vier Fünfteln verkauft.

Ohne diesen nun bald sechzigjährigen Chansonnier wäre Frankreichs Alltag um einen Mythos ärmer – und vor allem jenes Poeten beraubt, der ihn am eindrücklichsten besingt: Die Befruchtung findet gegenseitig statt. Doch eigentlich ist Brassens von seinen Mitbürgern längst ins Reich der Götter und Mythen emporgehoben werden. Den Verkaufszahlen seiner Schallplatten, den Besucherzahlen seiner Konzerte nach gehört er zu den erfolgreichsten Stars (der einträglichen Unterhaltungsbranche, wohlverstanden), aber Starkult um seine Person gibt es nicht. Und das wird sogar von der besonders bunten französischen Regenbogenpresse, die normalerweise bei jeder Blinddarmoperation einer halbwegs populären Person die Zahl der Nadelstiche mitzählt, respektiert. Du sollst dir kein Gottesbild machen.

Brassens’ Privatleben ist ebenso tabu wie geheimnis- und legendenumwoben. 1939 war er, Sohn eines Maurers aus Sète, der Geburtsstadt Paul Valérys, aus einer Schornsteinfeger lehre davongelaufen und nach Paris getrampt, wo er von der älteren Jeanne Planche aufgenommen wird, bei der er bis 1968 wohnt, dem Jahr, in dem Jeanne stirbt. Ihr, seiner Ziehmutter, widmet Brassens verschiedene Chansons: "La cane de Jeanne", "Chez Jeanne".

In der ersten Zeit seines Pariser Aufenthaltes arbeitet er unter anderem in der Fabrik der Automobilwerke von Renault. Als Autodidakt liest er sich, so geht die Legende, systematisch durch vier bis fünf Bibliotheken. 1942 veröffentlicht er eine erste Sammlung seiner Gedichte: "A la venvole." Als militanter Anarchist kämpft er für die Föderation Anarchiste und schreibt Artikel, welche im Libertaire erscheinen. Später entdeckt Jacques Grello den Chansonnier Brassens, läßt ihn in den (heute geschlossenen) "Trois Baudets" auftreten und sorgt für einen Vertrag mit der Schallplattenfirma Philips – soweit die "Fakten".

Was man auch noch kennt: die Namen einiger Copains ("Ich singe für meine Freunde"), Fallet, Chabrol oder Battista. Frauen? Die scheint es nur in Brassens’ Chansons zu geben, und etwa zur Hälfte handelt es sich dabei um Huren. Die andächtige Zelebrierung platonischer männlicher Freundschaft, der ganze Kult um die Copains – Titel eines Chansons: "Die Freunde zuerst" – haben ebenfalls zum Entstehen der Legende Brassens beigetragen.

Brassens hat nie aufgehört, Anarchist und Atheist zu sein. Seine Poesie ist voller Ketzereien und Blasphemien, hochgradig defätistisch, durchzogen von Spott und Hohn – und dennoch (oder deswegen) hat Frankreich den verlorenen Sohn zum Adoptivvater der Nation erkoren. Wenn der Moralist Brassens in die Saiten greift, hört das ganze Land zu. Die Arbeiter lieben seine Verse ebenso wie die Intellektuellen: Jene füttert er mit klassischer Poesie, ohne daß sie es merken, diese tröstet er mit dem Beweis, daß nicht alles Populäre gleich profan und minderwertig zu sein braucht.