Walter Scheel hat am Montag dieser Woche als vierter Präsident der Bundesrepublik sein Amt angetreten. Im Rahmen einer gemeinsamen Feierstunde von Bundestag und Bundesrat legte Scheel im Beisein seines Amtsvorgängers den Eid auf das Grundgesetz ab. Kurze Zeit später übernahm er die Amtsgeschäfte in der Villa Hammerschmidt von Gustav Heinemann, der am gleichen Tag mit einem Sonderzug in seine Heimatstadt Essen zurückkehrte.

Bundespräsident Scheel forderte in seiner Antrittsrede Politiker und Bevölkerung auf, in Solidarität und in Freiheit an die Lösung der schweren Probleme in Staat und Gesellschaft zu gehen. Maßgeblich für die innere und äußere Stärke eines Staates, so sagte Scheel, sei letztlich seine wirtschaftliche und politische Stabilität. Er erwarte von Arbeitnehmern wie Arbeitgebern, daß sie mit Vernunft an die Lösung der dringenden Fragen herangingen. Die Bundesrepublik müsse die Ausgewogenheit aller wirtschaftlichen Daten im Auge behalten.

Vor der Vereidigung Scheels hatte Bundestagspräsidentin Renger das Wirken des scheidenden Präsidenten gewürdigt. Gustav Heinemann habe durch sein ständiges Gespräch mit Bürgern aus allen Bevölkerungsgruppen zur Verbundenheit des Volkes mit seiner demokratisch gewählten Regierung beigetragen.

"Dem scheidenden Bundespräsidenten", sagte Frau Renger, "bekunden wir unseren tiefempfundenen Dank und unser aller Anerkennung." Vor den stehenden Mitgliedern beider Häuser stellte Frau Renger fest: "Gustav Heinemann hat sich um das Vaterland verdient gemacht."

In einer eindrucksvollen Abschiedsrede, die häufig von Beifall unterbrochen wurde, richtete Heinemann die eindringliche Mahnung an die Politiker, ihre Arbeit nüchtern, unerschrocken und mit Weitblick auf die Zukunft auszurichten. Nur auf diese Weise könnten die Aufgaben und Gefahren bewältigt werden, die der Menschheit heute aus Hunger, Rohstoffkrisen, Umweltzerstörung und Rüstungswettlauf erwüchsen.

Heinemann sagte, ihn erfülle Unruhe und Ungeduld über die herrschende Kurzsichtigkeit. Wer heute nur für sich sorgen wolle, verspiele neben seiner auch die Zukunft anderer in dieser Welt. Bewahren könne in einer sich rasch wandelnden Welt auch nur, wer zu verändern bereit sei.

Heinemann empfahl auf Grund seiner Erfahrungen, die Amtszeit des Bundespräsidenten von zur Zeit fünf auf sieben Jahre zu verlängern, dafür aber die Möglichkeit der Wiederwahl auszuschließen. Eine längere Amtszeit könne die Verwertung der Erfahrungen verbessern und eindeutige Gegebenheiten schaffen.

Bundesratspräsident Filbinger setzte sich zum Schluß der Feierstunde im Bundestag für den Abbau der Polarisierung ein, für die die verbindende Kraft und die persönliche Autorität des Staatsoberhauptes unentbehrlich seien. Die positive Entwicklung, daß 97 Prozent des Volkes demokratische Parteien wählen, dürfe nicht durch die Verschärfung der politischen Auseinandersetzungen aufs Spiel gesetzt werden.