Von Hansjakob Stehle

Rom, im Juli

Die Flut steigt – doch statt eilig Dämme zu errichten, debattieren Italiens Katastrophen-Experten und überbieten sich in Beschwörungsformeln. Zwar ist die Regierungskoalition der "Linken Mitte", die sich Mitte Juni aus der Verantwortung schleichen wollte, notdürftig wieder zusammengeflickt worden und Ministerpräsident Rumor kann mit dem – wenigstens formellen – Vertrauen der Parlamentsmehrheit Anfang nächster Woche endlich die Notmaßnahmen gegen den Staatsbankrott einem stöhnend-resignierenden Land auferlegen. Aber der Druck der Krise wird immer mehr zur Zerreißprobe für jene Partei, die Italien über die Höhen eines Wirtschaftswunders ins Tal der Krise geführt hat: die "Democrazia Cristiana".

Zum erstenmal in den drei Jahrzehnten ihres Dauerregierens spüren die Christdemokraten jenen Rückhalt schwinden, der es ihnen bislang erlaubt hat, allen Zeitläuften zu trotzen. Die Großindustriellen, die mittleren Unternehmer und die Bankiers sind es immer mehr leid, einer Partei die Stange zu halten, die – zusammen mit ihren jeweiligen Koalitionspartnern – das Land mit einem Netz von bürokratisch-parasitärem "Sottogoverno" überzogen hat, einer dschungelhaften Neben- oder Nicht-Regierung. Diese hat mit ihrer Vetternwirtschaft und Klüngelei alle vernünftigen Regungen gelähmt und die Früchte des Fleißes von Millionen verzehrt. Daß dies und nicht die oft verzweifelte Reaktion der Gewerkschaften den Kern der "italienischen Krankheit" bildet, hat auch der FIAT-Präsident Agnelli erkannt. *

"Eine gründliche Veränderung des Modells, einen neuen Pakt zwischen den sozialen Kräften", forderte letztes Wochenende der christdemokratische Minister Gullotti. Der DC-Politiker Gullotti sprach sich sogar für einen neuen Verfassungskompromiß aus, was als Annäherung an die Kommunisten und deren These vom "historischen Kompromiß" zu verstehen ist. Wie auch immer es gemeint sein mag – wenn am 12. Juli der Nationalrat der Christdemokraten zu einer Sondersitzung zusammentritt, sind scharfe Auseinandersetzungen zu erwarten. Wird es zu einem Scherbengericht über den Parteichef Amintore Fanfani kommen? Manche Beobachter halten sogar eine Spaltung der "Democrazia Cristiana" für möglich, wenn es dem Supertaktiker Fanfani nicht gelingen sollte, den linken Parteiflügel, den er gerade in einer Blitz-Operation aus dem Vorstand entfernt hat, wieder zu integrieren. Dieser zweite Teil der Operation war diese Woche bereits im Gange. Aber Fanfani wird, selbst wenn er sich hält, einsehen müssen, daß bloßes Finassieren nicht mehr ausreicht und weder über die Partei- noch über die Staatskrise hinweghilft. Nicht einmal mehr auf die Kommunisten, ihre stillen Stabilitätsteilhaber und offiziellen Gegner, kann sich die "Democrazia Cristana" noch verlassen. Während ein vertrauliches Gutachten, das FIAT-Präsident Angnelli im Juni in Auftrag gab, die KPI sogar als die einzige politische Kraft bezeichnete, die während einer schweren Krise in der Lage wäre, Regierungsverartwortung wirksam zu übernehmen, erklärte der KPI-Spitzenfunktionär Amendola: "Eine linke Alternative zur ‚Democrazia Cristiana gibt es nicht. Lange Zeit sagte man uns, daß wir nicht die notwendige demokratische Glaubwürdigkeit für eine Regierungsbeteiligung besitzen. Jetzt sind wir es, die sagen, daß die Regierungskoalition nicht genug demokratische Garantien und produktive Wirksamkeit bietet. Mit den Christdemokraten kann man erst rechnen, wenn sie aus ihrer Krise heraus sind."

Für diesen Augenblick hält sich ein Mann bereit, der als der stärkste Gegenspieler Fanfanis diesem zwar nicht an Schläue, aber an Weitsicht überlegen ist: Giulio Andreotti. Als Regierungschef von 1972 "rechts" abgestempelt, läßt sich Andreotti jedoch nicht in ein Schema pressen. Mitte Juni, als die Krise dem Höhepunkt zusteuerte, rief er einen weit links stehenden Journalisten zu sich und verriet ihm Sensationelles: daß jene 157 000 Dossiers, die der Geheimdienst über eigene Landsleute angelegt und deren Vernichtung ein Parlamentsbeschluß 1970 angeordnet hatte, noch heute existieren; daß der Geheimdienst 1969 einen Bericht, der die Bombe von Mailand nicht Valpreda, sondern damals schon den Faschisten Freda und Ventura zuschrieb, nicht an die Gerichte weiterreichte, obschon der Informant ein fest besoldeter Agent war; daß im übrigen der Geheimdienstchef demnächst abgelöst werde.

Kein Zweifel, Andreotti wollte sich mit diesen Enthüllungen vor allem den Linken als Garant gegen jene bösen Überraschungen empfehlen, die in einer derart tiefen Krise, wie sie Italien erleidet, nicht auszuschließen sind. Man braucht dabei nicht gerade an den Admiral Birindelli zu denken, der dieser Tage die neofaschistische Partei MSI verließ – nicht etwa, weil sie ihm zu radikal, sondern weil sie ihm zu "systemkonform" ist...

Was Italien zu fürchten hat, sind freilich weniger Putschisten – es ist das Chaos, das die Bühne für zweifelhafte Retterrollen bietet. Selbst wenn ein Christdemokrat wie Andreotti die Kommunisten zur Mitverantwortung brächte – und sei es nur zur gemeinsamen Abwicklung eines Bankrotts –, gewänne Italien doch nicht zurück, was es durch das Versagen der "Democrazia Cristiana" verlor. Auch ein historischer Kompromiß kann ein fauler Kompromiß werden.