Von Jakob Vollmar

Der "Wegewart" geht der Gruppe voraus. Linke Hand einen Farbkübel, rechte Hand Pinsel und Schablone. Die anderen – grüne Wadenstrümpfe, derbe Lodenjoppe, feste Schuhe und wettergegerbten Hut auf dem Kopf – folgen in angemessenem Abstand. Immer wieder bleibt der Wegewart stehen, greift zum Pinsel und malt ein verwaschenes Markierungszeichen nach. Die Gruppe räumt derweilen Äste vom Wanderpfad, sammelt Steine und bessert den Weg damit aus. "Jeden Sonntag sind wir jetzt wieder unterwegs", berichtet der Wegewart.

Eine Gruppe des über 6000 Mitglieder zählenden "Fichtelgebirgsvereins", eine von vielen, die mit einer wahren Leidenschaft die 354 Kilometer Wanderwege zwischen Bayreuth, Bad Berneck, Hof und Wunsiedel kennzeichnen und instand halten. Ich kenne kein Wandergebiet in Deutschland, das derart gründlich – oft in Abständen von kaum zwanzig Metern – mit Markierungen ausgezeichnet ist. Mit Farbzeichen und Zahlen, mit Schildern und Tafeln, die auf seltsam gewachsene Bäume, auf Pflanzen und merkwürdige Felsbrocken hinweisen.

Die Feriengäste sind Nutznießer der Markierungslandschaft. Kaum ein Urlauber, der nicht in seiner Unterkunft Karte und Wanderführer ersteht, um sich damit ans geruhsame Abschreiten der bunten Zeichen zu machen. Rund-, Höhen- und Wald Wanderwege stehen zur Wahl mit

Abkürzungen, Variationen und zusätzlichen Abstechern. Fast ehrfurchtsvoll betritt der Urlaubs-Wanderer den durchs Fichtelgebirge ziehenden "Europäischen Wanderweg" Atlantik – Ardennen – Böhmerwald. Ihn ein Stück abgeschritten zu haben, bedeutet fast so etwas, wie die höheren Wanderweihen empfangen zu haben.

Erwin Wein, Vorsitzender des Fremdenverkehrsausschusses Fichtelgebirge, vor seiner Pensionierung Bürgermeister von Bad Berneck, widmet sich im Ruhestand ebenfalls ganz dem Wandern. Sein spezielles Hobby: Flüssen von der Quelle bis zur Mündung zu folgen. Er meint erkannt zu haben, warum Gäste die einheimische Landschaft mit soviel Elan erwandern: Hier sind die Berganstiege leicht zu bewältigen, sanft wachsen die bewaldeten Bergrücken in die Höhe. Schneeberg (1053 m), Ochsenkopf (1024 m) und Kösseine (940 m) sind die höchsten Erhebungen in der typischen Mittelgebirgslandschaft – die Fremdenverkehrsorte Warmensteinach (623 m), Oberwarmensteinach (650 m), Alexandersbad (590 m), Goldkronach (444 m), Fichtelberg (700 m), Tröstau (550 m), Marktredwitz (539 m), Wunsiedel (550 m), Arzberg (479 m) und Selb (550 m) liegen jeweils nur einige hundert Meter tiefer als die höchsten Gipfel.

Lifte haben die Gemeinden ausschließlich für den Winter gebaut, mit einer Ausnahme: Der Ochsenkopf wurde durch zwei Bergbahnen "erschlossen", eine vom Süden, die andere vom Norden. "Schneeberg und Kösseine wollen wir in Ruhe lassen", meint Erwin Wein. "Ein Seilbahnberg reicht für die Busse als Ausflugsziel."