Von Gottfried Sello

Cranach in Basel: mit zweijähriger Verspätung wird die Ausstellung nachgeliefert, die zur Feier seines 500. Geburtstages fällig gewesen wäre. Damals, 1972, ist man über ein paar mehr oder weniger lokale Veranstaltungen nicht hinausgekommen. Auch war das Dürer-Jahr (1971) mit seinem Zwang zum Feiern, mit seinem riesenhaften Aufgebot altdeutscher Kunst und den Versuchen, Dürer und das Altdeutsche neu zu definieren, gerade erst zu Ende gegangen.

Um so besser für Lucas Cranach, daß ein bißchen Zeit vergangen ist, daß Jubiläum und Ausstellung nicht zusammenfallen, daß die Basler Kunsthalle mit ihren unglaublich intensiven Vorbereitungen nicht eher fertig wurde. Man kann Cranach 1974 unbefangener sehen, ohne den Nimbus des zu Feiernden und zu Rühmenden, vor allem: ohne ihn andauernd an Dürer zu messen, obgleich es offenbar sein Schicksal ist, immer mit Dürer verglichen zu werden. Schon die Zeitgenossen haben das getan; Melanchthon, der wahrscheinlich beste Kenner zeitgenössischer Malerei, hat die gesamte spätere Cranach-Rezeption präjudiziert, als er sich in einer Schrift von 1531 über die drei größten Figuren der deutschen Malerei äußerte: "Dürer malte alles erhaben und bedeutend, differenziert durch reiche Linienführung. Cranachs Bilder dagegen sind schlicht, und obgleich sie einen einschmeichelnden Charakter haben, so offenbart der Vergleich mit Dürers Werk dennoch (,Tamen’!) den großen Abstand. Grünewald steht irgendwie in der Mitte."

Der abschätzige Unterton des Humanisten, des Intellektuellen ist unüberhörbar. Der "einschmeichelnde Charakter" ist der Größe abträglich, aber gerade dieser Qualität verdankt Cranach seine außerordentliche Popularität. Seine Bilder haben jedem Publikum in jeder Zeit gefallen, er mußte nie wiederentdeckt oder zurückgewonnen werden wie Grünewald oder Altdorfer, die eine heftig bewegte Beliebtheitskurve aufweisen. Cranach war immer präsent im Bewußtsein, stand hoch in der Gunst, zum mindesten seiner Landsleute. Die Berliner "Ruhe auf der Flucht", die von Flucht, Heimatlosigkeit, Gefährdung so wenig spüren läßt, daß man sie neuerdings und richtiger als "Heilige Familie in paradiesischer Landschaft" bezeichnet, ist das volkstümlichste Bild der deutschen Malerei.

Ist Gefälligkeit ein Makel, und mindert ihr einschmeichelnder Charakter den Wert dieser Malerei? Künstler denken anders darüber, und man braucht gar nicht erst die modernen Maler zu bemühen, Picasso oder Giacometti, die sich ausdrücklich zu dieser Cranachschen Spezialität bekannt haben, indem sie "nach Cranach" gearbeitet haben. Das fängt schon bei Dürer an, dem Melanchthon als dem einzigen die Kategorie der Große, des Erhabenen zubilligt. Dürer stellte den Wittenberger Kollegen über alle zeitgenössischen Maler, sein Urteil ist uns durch den Humanisten Johan Stigel überliefert, und es ist interessant, was Dürer an ihm schätzt, nämlich venustas und facilitas, was man mit "Anmut" und "Leichtigkeit" übersetzen kann. Ein signifikantes Urteil, weil es den "einschmeichelnden Charakter" entschieden positiv bewertet, ohne humanistische Engstirnigkeit, und weil es auch Dürer, den Erhabenen, charakterisiert, wenn er das bewundert, was außerhalb seiner Möglichkeiten liegt.

Facilitas meint auch die sprichwörtliche Schnelligkeit, mit der Cranach die Arbeit von der Hand gegangen, die seine Auftraggeber ebenso verblüffte wie seine Malerkollegen. Selbst wenn man weiß, daß ein enorm großer Teil der Produktion im glänzend organisierten Werkstattbetrieb hergestellt wurde, dann übertrifft die Zahl der eigenhändigen Werke bei weitem den erhaltenen Bestand anderer deutscher Maler der Dürer-Zeit. Noch auf seinem Grabstein wird er als celerrimus pictor gepriesen, was im Sinne der Zeit eindeutig als Lob zu verstehen ist. Venustas wiederum ist Humanistenlatein und zielt, auf Cranach gemünzt, auf eine sehr spezielle Art von Anmut, auf das Liebliche und Liebenswürdige, das Pikante, das Anzügliche, das Erotische, das seine Malerei in hohem Maße auszeichnet, soweit das Sujet auch nur lose und von fern zur venustas und zu erotischer Gestaltung animiert. Unbestritten ist Cranach unter den Altdeutschen der Meister in diesem Genre. Zu seinen bevorzugten Motiven gehören: Venus und Cupido, die schlafende Nymphe, das Urteil des Paris, die Satyrfamilie, Lot und seine Töchter, weiter, auf einer allegorisch oder literarisch getarnten Ebene, die ungleichen Paare, die Buhlschaften. Cranach hat diese Motive in ganzen Serien gemalt oder unter seiner Aufsicht malen lassen oder unter seinem Namen auf den Markt gebracht, wo sie reißenden Absatz fanden. Das Geschäft florierte: In den Stadtarchiven wird Cranach jahrzehntelang als der zweitgrößte Steuerzahler in Wittenberg ausgewiesen. Cranach, der mit anzüglichen Bildern ein Vermögen verdient, der die Konjunktur ausnutzt: das paßt nicht recht zum Bild vom Ratsherrn und Bürgermeister, dem Biedermann und Luther-Freund. Ein Beweis für die Verquickung von Kunst und Kommerz auch schon im 16. Jahrhundert – und für die Unzulänglichkeiten des sozio-ökonomischen Aspekts, soweit die Malerei in Frage steht.

Will man der venustas als einer spezifisch Cranachschen Qualität auf den Grund kommen, dann genügt es nicht, von malerischer Delikatesse und harmonischer Komposition zu reden, die den dubiosen Gegenstand künstlerisch überspielt. Das Erotische läßt sich nicht eliminieren, es ist essentiell für seine Malerei. Aber, das hat schon Wilhelm Hausenstein konstatiert, Cranach ist kein Boucher oder Fragonard des 16. Jahrhunderts. Daß ihn manche Liebhaber seiner zahllosen und in der Tat bezaubernden, lieblichen, liebreizenden Akte dafür gehalten haben, beruht auf einem totalen Mißverständnis. Die Häufigkeit erotischer Motive erlaubt, anders als bei Boucher und Fragonard, keinerlei Rückschlüsse auf das Naturell, den Lebenswandel. Die Frage, ob er, was wahrscheinlich ist, ein vorbildlicher Familienvater war oder, in Wittenberg, ein Doppelleben führte, ist ziemlich irrelevant. Ob Venus und Cupido oder die Jagd oder der Katharinen-Altar: Er malte, was von ihm verlangt wurde. Die erotische Thematik wurde von außen an ihn herangetragen, nicht vom lüsternen Kurfürsten, sondern von seinen humanistisch gebildeten Freunden, die ihn mit den literarischen Vorlagen versorgten und ihm die Moral mitlieferten, die Cranach, folgsam und mit schöner Naivität, ins Bild brachte.