ARD, Donnerstag, 27. Juni: Kölnerin", von Heinrich. Böll

Zwei Kölner unterhielten sich: die Hausfrau Gertrud Hamacher und der Schriftsteller Heinrich Böll. Der Tonfall war gleich, beide formulierten ihre Sätze in melodisch klingender rheinischer Mundart; das Erinnerungsreich war gleich, beide kannten das Ritual kölnischer Kinderspiele, beide argumentierten auf jener Ebene, wo man in einem Atemzug "Faschismus" und "Peter und Paul" sagt; die Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus war, läßt man den Unterschied zwischen einer kommunistischen und einer antifaschistisch-demokratischen Position außer acht, ebenfalls gleich. Ungleich dagegen waren die Voraussetzungen, unter denen die Gesprächspartner ihre Unterhaltung begannen: Der eine war Heinrich Böll und die andere – Frau Hamacher. (Also nicht Herr Böll und Frau Hamacher und schon gar nicht Gertrud Hamacher und Herr Böll.)

So selbstverständlich es sein sollte, daß – zur Hauptsendezeit, wohlgemerkt, und nicht in jenen Nachmittagsstunden, wo die Randgruppen einmal vor die Kamera dürfen – auch Vertreter des sogenannten Volkes auftreten können (also jene, die der Bundeskanzler vor kurzem im Unterschied zu den Regierenden als die Regierten apostrophierte); so lange ich schon darauf warte, daß im Monitor-"Kreuzfeuer" endlich einmal, und zwar nicht als folkloristische Charge, ein Gewerkschaftssekretär aus den unteren Rängen befragt wird (er hätte mehr zu sagen als so mancher Bonner Schwadroneur): so nachdrücklich ist darauf zu bestehen, daß bei derartigen Gesprächen (sollen sie nicht nur Alibifunktion haben) der Unbekannte zunächst einmal vorgestellt wird. Heinrich Böll ist Schriftsteller, seine Frau Übersetzerin. Gut, das ist, bekannt. Wie aber steht es mit Frau Hamachers Mann? Was war sein Beruf? Und ihre Söhne? Sind sie, wie ihre Mutter, in der DKP? Gibt es Unterschiede, was die politische Meinung angeht? Im Gespräch erfuhr man nichts davon.

Und dann die "Unterhaltung" selbst: eineKölner Idylle, der auch die Schlußbemerkung Bölls nichts von ihrer Beschaulichkeit nahm, sehr, sympathisch, sehr menschlich, sehr melancholisch; außerdem, das war das Wichtigste, auch dem letzten Betrachter das Farcenhafte der Berufsverbote enthüllend: Frauen wie diese sollen Radikale sein. Strauß und Dregger als Wächter der Demokratie; die Antifaschistin Hamacher, wegen ihrer Überzeugung von Gefängnis zu Gefängnis gejagt, als Feindin des Rechtsstaats.

Im übrigen aber: eine Geschichte in Stichworten, mit human touch und etwas Rosarot... ist das wirklich genug? Warum, zum Kuckuck, zog man keine Vergleiche zwischen der Rente eines Richters am Volksgerichtshof und der Nicht-Entschädigung der Frau Hamacher (Motto: Die hat ja selber schuld)? Weshalb wurden die wahren Radikalen, die altneuen Nazis, nicht jedenfalls in corpore beim Namen genannt? Und warum, weiterhin, machte der Autor Böll keinen Versuch, das Schicksal der Frau Gertrud Hamacher und ihrer alten Genossen als exemplarisch zu erweisen: Wie viele Opfer des Faschismus gibt es in Köln? Wofür stehen sie? Wäre dies dokumentiert worden, wäre aus der rührenden Lebensgeschichte ein Bericht geworden, dessen Stellenwert jedermann hätte einsichtig sein müssen.

Endlich ein Letztes: Warum, frage ich mich, hat Frau Hamacher kein einziges Mal zurückgefragt? Der Satz hätte doch so nahegelegen: Nun aber zu Ihnen, Herr Böll. Sagen Sie, was haben Sie gemacht, damals bei den Nazis, als ich illegal gearbeitet habe? Und schon hätte sich ein Gespräch zwischen den beiden ergeben, der Kölnerin und dem Kölner, die in jenen Tagen – auf sehr verschiedene Weise, aber gleich unfreiwillig – den Regierenden ihren Tribut zollen mußten. Ein echtes Gespräch, zunächst über die Wehrmacht und den Luftalarm im Gefängnis, dann über die Kirche und die Verschwisterung von geistlicher und politischer Macht, und schließlich über die DDR, den Klassenkampf und die Kindererziehung: alles konkret, von den Problemen der beiden Partner ausgehend.

Nicht auszudenken: Vielleicht hätte man sich sogar ein wenig gestritten. Momos