Von Kai D. Eichstädt

Jahrelang verkaufte sich Heinrich Peesel als Wunderkind der deutschen Photoindustrie. Vor elf Jahren war er, damals Geschäftsführer einer Maschinenfabrik der Quandt-Gruppe, von den Braunschweiger Rollei-Werken als Sanierer engagiert worden. Der promovierte Elektroingenieur erledigte seine Aufgabe scheinbar mit Bravour. Innerhalb von zehn Jahren brachte er den Rollei-Umsatz von 31 auf 300 Millionen Mark. Doch in der letzten Woche mußte Heinrich Peesel aus der Zeitung erfahren, daß seine Kapitalgeber nicht mehr mit ihm zufrieden sind.

Auf der Bilanzpressekonferenz der Norddeutschen Landesbank in Hannover – sie hält knapp 40 Prozent des Rollei-Kapitals (am 31. Dezember 1973 betrug es 52 Millionen Mark) – fiel Schatten auf das sorgfältig gepflegte Erfolgsimage des Heinrich Peesel. Kurt Hähnel, Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Landesbank und Aufsichtsratsvorsitzender der Rollei-Werke, enthüllte, daß die Bilanz des Braunschweiger Kamerakonzerns 1973 mit rund 35 Millionen Mark Verlust abschließt.

Auch sonst zeigte sich der Bankboß recht auskunftsfreudig über die Situation der Rollei-Werke. Er ließ durchblicken, daß die Verluste Vor allem die Folge von Mängeln im Marketingkonzept des Rollei-Managements seien. Auch habe ihm die Art der Braunschweiger Öffentlichkeitsarbeit "nicht gefallen".

Zum Abschluß ließ er dann wissen, daß man das Braunschweiger Unternehmen dennoch nicht im Stich lassen werde. Gemeinsam mit der Hessischen Landesbank, die ebenfalls knapp 40 Prozent des Rollei-Kapitals besitzt, soll dem Unternehmen durch Umwandlung von Krediten in Eigenkapital geholfen werden. Doch unbesehen wollen die Bankiers Rollei nicht sanieren.

Seit dem 10. Juni untersucht Kurt Kemnitzer als unabhängiger Experte das Braunschweiger Unternehmen auf Schwachstellen. Zur Zeit ist Kemnitzer, der als Vorstandsmitglied bei der deutschen Tochtergesellschaft des amerikanischen Kodak-Konzerns Erfahrung in der Photobranche sammelte, in Singapur. Im fernöstlichen Inselstaat legte Peesel vor vier Jahren den Grundstein für die erste Rollei-Fabrik im Ausland. Bis jetzt investierte er rund 120 Millionen Mark in Singapur, in fünf Betrieben sind inzwischen über 5000 Arbeitskräfte beschäftigt.

Der "Step nach Singapur", wie Peesel zu sagen pflegt, sollte den Braunschweigern zu einer sicheren Zukunft verhelfen. In Fernost, so verkündete der Rollei-Boß vor vier Jahren, könne man wegen der niedrigen Löhne kostengünstiger produzieren als die Japaner. Folglich müsse man dort investieren, um den mit billigen technisch hochwertigen Photoapparaten auf den europäischen Märkten vordringenden Japanern Paroli bieten zu können. Jetzt soll gerade dieser Schritt nach Singapur Schuld an der Misere im Rollei-Konzern sein.