Was der Mitte den schlechten Ruf eingetragen hat: daß man sich dort nicht engagieren und entscheiden mag. Die Mitte wäre ein kleinerer und befriedigenderes Standort, wenn nur die, die wirklich für dieselbe arbeiten, zum Tragen des Ordens der goldenen Mitte kürbar wären.

Thomas Griffith im "Time Essay" zum Thema "Vom Kummer des Daseins in der Mitte"

Rund um die Uhr

Im Fahrstuhl, im Taxi, im Supermarkt und im Flugzeug, im Fernsehen spätestens zu den "Schrifttafeln", im Überlandomnibus, im Hotelbett und auch im Mastschweinestall ist das schon eine schöne Gewohnheit, die nicht mehr vermißt werden kann. Nunmehr erreicht uns die Nachricht: "Auch in Boutiquen, ist es neuerdings üblich geworden, dezente Hintergrundmusik abzuspielen." Dank der Firma Philips war es möglich, dem Fortschritt so sehr auf den Fersen zu bleiben. Sie hat einen Apparat erfunden, welchen man nur einmal mit Cassetten zu speisen braucht, und schon tut er seine Arbeit unermüdlich: "Bis zu zwölf Stunden Musik ohne Unterbrechung gibt der neue Stereo-Cassettenwechsler ab." Mehr: "Dann wiederholt er das eingelegte Programm so lange, bis das Gerät abgeschaltet wird" – ein Vorgang übrigens, der lange hinausgeschoben werden darf dank einer "fast professionellen Langlebensdauertechnik". Damit scheint die Gefahr nunmehr wirklich gebannt zu sein, einen Augenblick lang völliger Stille überantwortet zu sein.

Theater vor Gericht

Schwer hat es Kurt Hübner in seinem ersten Jahr als Intendant der Freien Volksbühne Berlin. Erst läuft ihm der bekannteste der ständig verpflichteten Regisseure, Rainer Werner Fassbinder, davon, natürlich unter Mitnahme seines Schwarms von Schauspielern; dann streikt das Bühnenpersonal so lange, daß das Haus geschlossen werden muß; schließlich verbietet Tennessee Williams, nach sechs geschlossenen Voraufführungen für Mitglieder der Volksbühne, durch eine richterliche Verfügung seines Bühnenverlages, die Premiere seines Stückes "Endstation Sehnsucht", das – nach einem Vierteljahrhundert – noch einmal das Erfolgs-Drama zu werden verspricht, das es Ende der vierziger Jahre gewesen ist. Der Regisseur Charles Lang, der die männliche Hauptrolle, den aus Polen eingewanderten Arbeiter Kowalski, von einem Neger spielen lassen wollte, provozierte den Widerspruch des Dramatikers, der telegraphierte, er sei "deeply concerned", tief betroffen über das Mißverständnis. Inzwischen hat sich das Gericht die Aufführung angesehen, ist aber noch zu keinem Entschluß gekommen. Wenn Lang jetzt, wie er es vor hat, den dunkelhäutigen Schauspieler weiß schminkt und ihm eine Perücke aufsetzt – verstößt dann der Spruch des Gerichtes, die Rolle dürfe "nicht mit einem farbigen Schauspieler besetzt" werden, nicht gegen das Grundgesetz, nach dem kein Mensch wegen seiner Hautfarbe benachteiligt werden darf? Wie immer das Gericht entscheidet: es bleibt der fatale Eindruck, an der Volksbühne gehe alles schief. Im nächsten Jahr will Hübner mit Tollers "Eiszeit", mit Shaffers "Equus", Filippos "Samstag, Sonntag, Montag", der "Affäre Dreyfus" und "Der Widerspenstigen Zähmung" versuchen, zwischen Staats- und Schaubühne für die Volksbühne den eigenen, näher am Boulevard angesiedelten Stil zu finden.

Mann: Mann der DDR?