/ Von Andreas Kohlschütter

Henry Kissinger, der Ungeduldige, nahm sich Zeit in Europa. Auch für Europa? Unmittelbar nach der Moskauer Gipfelkonferenz war der US-Außenminister zu einem langen Marsch durch den alten Kontinent aufgebrochen. Als begeisterter Zuschauer machte er Halt auf den Tribünen der Fußballweltmeisterschaft. Und als politischer Spielmacher ließ er in den verschiedenen Hauptstädten zugleich wissen, daß er gekommen war, um den europäischen Ball voranzutreiben. Dabei ging es um zweierlei:

Erstens bot sich Gelegenheit, den guten Geist der jüngsten atlantischen Informations- und Konsultationsabsprachen aus der Flasche zu holen und zu beweisen, daß Amerika nicht nur seine Feinde, sondern auch seine Freunde ernst nimmt. Zweitens stand im Rahmen eines breiten Meinungsaustausches vor allem das amerikanischsowjetische Einverständnis zur Debatte, die Genfer Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zu einem "frühen Zeitpunkt" und auf "höchster Ebene" abzuschlie-

Dies sei jedoch erst möglich, so präzisierte Kissinger und so besänftigte er zugleich seine Gesprächspartner, wenn in Genf "befriedigende Resultate" vorlägen. Nixon habe sich in dieser Richtung nicht festgelegt. Der weitere Fahrplan könne ohne Druck, in enger Zusammenarbeit zwischen den USA und ihren europäischen Verbündeten, ausgearbeitet werden. Gemeinsam müßten sie klären, welche Konferenzergebnisse unerläßlich seien, um ein KSZE-Finale zu rechtfertigen.

So weit, so gut. Es ist indes nicht zu übersehen, daß Washington aufs Tempo drückt und die Europäer zur Entspannungseile drängt. Mit einer zwanglosen Klärung der westlichen Zielvorstellungen und KSZE-Interessen wollte sich Kissinger jedenfalls nicht zufriedengeben. Er wollte genaue Daten, Abschlußtermine und möglichst nichts von zusätzlichen Verhandlungsbedingungen mehr hören. Er suchte die rasche und billige Entscheidung, gestützt auf den im Moskauer Kommuniqué vorfabrizierten Optimismus und unter dem einseitigen Aspekt amerikanischer Interessen: Die europäische Sicherheitskonferenz soll von der Bühne, damit die Europäer dem Dialog der Großen nicht länger im Wege stehen.

Kissinger geht offenbar davon aus, daß allein die nuklearen Rüstungsverhandlungen über Gedeih und Verderb der Entspannung entscheiden. Es ist, als habe sich der weite Blick des Historikers auf atomare Statistiken, Raketen, Sprengköpfe, MIRV und MARV verengt. Dem strategischen Machtarrangement wird rücksichtslos Priorität eingeräumt. Es zerstört alle anderen Entspannungsdimensionen, es verwischt alle Unterschiede von Recht und Unrecht, Freiheit und Unfreiheit. Dabei sind die westlichen Ziele, um die in Genf noch immer gerungen wird, in Gefahr, unter die Räder zu kommen. Die zentrale Forderung nach grenzüberschreitender Bewegung für Menschen, Ideen und Informationen erscheint nun nicht mehr nur den Sowjets, sondern groteskerweise auch Nixon und Kissinger als lästige Querschlägerei von Illusionisten.

Für die westeuropäischen Staaten zahlt es sich nicht aus, diese kombinierte amerikanisch-sowjetische Aktion ohne Widerstand hinzunehmen. Sie dürfen sich weder durch Kissingers Reizbarkeit und Unwillen noch durch die kürzliche Drohung des Londoner Sowjetbotschafters in die Enge treiben lassen, wonach ein-Scheitern. der KSZE "zurück zum Kalten oder sogar zum heißen Krieg" führen würde. Nur im festen Sattel ihres vor einem Jahr in Helsinki ausgelegten Entspannungskonzepts können sie zum Schlußgalopp antreten, zu dem Kissinger jetzt bläst und treibt.