Angst vor der Zukunft

Von Klaus-Peter Schmid

Fünf Jahre lang verbarg Georges Pompidou ein 200-Seiten-Manuskript, das er zwischen Herbst 1968 und Frühjahr 1969 geschrieben hatte. Pariser Zeitungen hatten zwar berichtet, Pompidou habe den zeitweiligen Abschied von der politischen Verantwortung genutzt, um seine Gedanken zur französischen Politik zu Papier zu bringen. Doch der Präsident sträubte sich gegen die Veröffentlichung. Erst nach seinem Tod wurde "Der gordische Knoten" publiziert: ein Buch ohne Enthüllungen und Sensationen. Auch von einem politischen oder philosophischen Testament des Staatsmannes Pompidou kann nicht die Rede sein. "Jahrelang habe ich mehr gehandelt als meditiert", begründete Pompidou seine Skizzen zu neun Fragen der Gesellschaft. Offensichtlich wollte er sich über bestimmte Ereignisse und Entwicklungen klarwerden und schrieb deshalb, unter Ausschluß der Öffentlichkeit, seine Gedanken nieder.

Georges Pimpidou: "Le noeud gordien"; Librairie Plön, Paris 1974; 205 S., Ffs 25,–.

Angelpunkt aller Überlegungen war für Pompidou der Mai 1968. Der Revolte der Studenten und Arbeiter stand der damalige Premierminister des Generals ziemlich ratlos gegenüber. Man weiß, daß er in den Tagen der Krise mäßigend und vermittelnd gewirkt hat, daß vor allem er ein Blutbad in den Straßen von Paris verhindert hat. Doch an seiner tiefen Verachtung für die Rebellen wider die öffentliche Ordnung ließ er keinen Zweifel. Was er über den Mai 1968 schrieb, zeigt die konservativen, undifferenzierten Wertmaßstäbe des späteren Staatspräsidenten. Hier sprach der Mann aus der Provinz, der Sohn aus einfachen Verhältnissen, der Musterschüler der elitären Ecole Normale Superieure, der Bankier a. D. Er verstand nicht, wie sich politisch aktive Studenten vom Staat aushalten lassen können, während ihre Altersgenossen bereits im Berufsleben stehen. Wie kann man über die Konsumgesellschaft herziehen, ohne selbst auch nur einen Sous verdient zu haben?

Dem Auvergnaten Pompidou war auch die Pariser Bourgeoisie ein Greuel. Ausgerechnet sie mußte die aufmüpfigen Studenten unterstützen und dem General in den Rücken fallen. Und der Generalstreik? Er wurde nicht von Arbeitern, sondern von der Kommunistischen Partei und ihrem Gewerkschaftsableger CGT inszeniert. All das erklärte aber nicht, warum sich auch die Provinz auflehnte, warum Arbeiter und Bürger zu den Studenten überliefen, warum Staat und Wirtschaft schließlich zu großen Zugeständnissen bereit waren. Pompidou war überzeugt, daß eine gelangweilte Generation die Gesellschaft in Frage stellte. Ob nicht zehn Jahre Gaullismus mitschuldig an der Revolte waren, ob nicht lange verdeckte soziale Spannungen aufbrachen – all diese Fragen stellten sich für Pompidou offensichtlich nicht.

Auch in den beiden Skizzen über die Wirtschafts- und Sozialpolitik ist nichts zu finden, was auf neue Wege, neue Ideen hindeutet: "Die wirkliche Lösung liegt in der Expansion und im schnellen Wachsen des Volkseinkommens." Das war bereits Pompidous bekannte Devise: Wachstum über alles – ohne auf das Problem einzugehen, wer die Früchte des Wachstums ernten solle.

Dabei traute er 1969 der französischen Wirtschaft noch nicht zu, was er ihr später als Ziel setzte: den deutschen Konkurrenten zu überholen. Er sah die Schwierigkeiten klar vor sich: übertriebener Hang zu staatlichen Kontrollen, mangelhafter Wettbewerbsgeist, fehlendes Marketing. Ohne rechte Zuversicht, enttäuscht, mißtrauisch gegenüber den Franzosen, stellte er seinem Volk ein schlechtes Zeugnis aus. Er klagte über den "tiefen Egozentrismus, die ständige Desolidarisierung" der Franzosen, die "offensichtlich nicht zu regieren" seien.

Angst vor der Zukunft

Für Pompidou, damals in der "Reserve der Nation", gab es nur eine Folgerung: Die von de Gaulle 1958 geschaffenen politischen Institutionen mußten in Richtung auf ein stärkeres Präsidialsystem ausgebaut werden. Nach 1969, als Pompidou selbst im Elysée herrschte, hielt er sich an diese Devise. Der Premierminister wurde entmachtet, das Parlament erhielt die Funktion, die ihm im "Gordischen Knoten" zugeteilt wurde: der Regierung die Möglichkeit zu bieten, der Mehrheit ihre Politik zu erläutern. Anders sei Frankreich eben nicht zu regieren.

Auch in dem Kapitel "Über die moderne Gesellschaft" dominiert Skepsis, fast Angst vor der Zukunft; da taucht die Furcht vor der amerikanisch-russischen Hegemonie auf, die Sorge, USA und Sowjetunion könnten den Europäern ihre Vorstellungen von Gesellschaft, Individuum und Lebensstil aufzwingen. Da wird wieder der Verfall der alten Werte beklagt, an deren Stelle die Philosophie von der Verbesserung des Lebensstandards getreten ist.

So ist es im Grunde verwunderlich, daß Pompidou sich letztlich als Optimist definierte: "Bundeskanzler Adenauer fragte mich eines Tages, ob ich eine optimistische oder pessimistische Meinung über die Menschen habe. ‚Optimistisch‘, antwortete ich. ‚Sie haben unrecht, man muß pessimistisch sein.‘ Noch heute glaube ich das nicht." Der Optimist Pompidou zog seine Kraft vielleicht aus seinem Glauben. Denn dahinter stand offensichtlich die Überzeugung, daß Moral und Glaube eine Hilfe bieten, dem Leben einen Sinn zu geben.

Und wer wird den gordischen Knoten der gesellschaftlichen, moralischen und wirtschaftlichen Probleme des Frankreich von heute lösen? Die Antwort blieb offen. "Die Frage ist nur, ob dies im Rahmen demokratischer Disziplin geschieht, die die Bürgerrechte garantiert, oder ob irgendein starker, behelmter Mann wie Alexander sein Schwert zieht."