Auch die zweite Inszenierung der Tragikomödie mit dem Titel "Hochschulrahmengesetz" überzeugt bisher niemanden. Allerdings haben die Darsteller besonders an schurkischen Qualitäten gewonnen: "Verschleppung", "Obstruktion", "Überrumpelung" hießen ihre Rollen-Stichworte, als sie jetzt bis zum Herbst von der Bonner Bühne abgingen.

Die erste Inszenierung war an Meinungsverschiedenheiten sowohl zwischen dem damaligen Regisseur (Bildungs- und Wissenschaftsminister von Dohnanyi) und den Akteuren im eigenen Lager als auch an Gegensätzen in diesem Lager und natürlich am Widerspruch der Opposition gescheitert. Die vorzeitige Bundestagswahl von 1972 senkte gnädig den Vorhang über ein schlechtes Stück.

Bei der neuen Einstudierung schienen sich die Kontrahenten kurz vor der parlamentarischen Sommerpause so nahe gekommen zu sein, daß man glauben konnte, das überfällige Gesetz werde die Hürden im Bundestag und Bundesrat noch nehmen. Doch dann sah man das alte Konfliktmuster wieder: Nicht nur Regierungsparteien und Opposition waren uneins, als es um definitive Beschlüsse ging, auch das Regierungslager war zerstritten und obendrein dann noch die Bundestagsfraktionen mit ihren jeweiligen Parteikonfidenten in den Ländern.

In diesem Labyrinth verschwinden die Sachgegensätze. Noch immer nicht ganz aus der Welt geschafft sind die Kontroversen über die Regelung des Hochschulzugangs, über die Personalstruktur und Vertretungsrechte an den Universitäten, den Status der Gesamthochschulen und über ein spezielles Ordnungsrecht gegen aufrührerische Studenten. Zwar sind die Experten der SPD/FDP und der CDU/CSU in den meisten dieser Punkte so nahe beieinander, daß sie einen Konsens finden könnten. Aber daß sie bis zur äußeren Grenze jener Zugeständnisse gegangen sind, die beiden Seiten, möglich erscheinen, macht ihre Schwäche aus. Die denkbaren Kompromisse lassen sich nicht nur gegenüber den eigenen Fraktionen, sondern ebenso gegenüber den Ländern schwer durchsetzen, die ihre Hochschulgesetze durch das Bundesgesetz so wenig wie möglich tangiert sehen möchten, weil sie neue Konflikte befürchten.

Hinzu kommen die bevorstehenden Wahlkämpfe in Hessen und Bayern: So sehr dem Bonner Regierungslager daran liegt, das brisante Thema bis dahin vom Tisch zu bringen, so wenig Eile zeigt die Opposition. Neue Studentenunruhen kämen allemal der Union zupaß.

So war man am Schluß, obwohl, wenn nicht alles täuscht, kurz vor der Einigung, doch wieder meilenweit auseinander. Daß die Entscheidung auf den Herbst verschoben worden ist, ist einerseits nur realistisch. Es bringt Luft, um die Widersacher in den jeweils eigenen Reihen überzeugen zu können, und eine Entkrampfung.

Anderseits drängt die Zeit. Denn so mies das Stück bisher sein mag, es wird vor einem Publikum in Szene gesetzt, das zum Beispiel gerade durch die Feststellung der Rektoren alarmiert worden ist, angesichts der hoffnungslos überfüllten Hochschulen sei das Abitur zu nichts mehr nutze. Und welche Schachzüge bis zum Herbst auch ausgeklügelt werden, nichts führt an der Tatsache vorbei, daß der Regierungsmehrheit ein knapper Sieg im Parlament nichts nützt, weil das Gesetz ohne die ausdrückliche Zustimmung des Bundesrats, in dem die Opposition regiert, nicht Wirklichkeit werden kann. Freilich bürdet dies auch der CDU/CSU zusätzliche Verantwortung auf: Wenn sie nach der Devise "alles oder nichts" verfährt, blockiert sie jede Einigung.