Mit einem bunten Blutsauger-Spielchen beginnt es, und es endet, zwei Stunden später, mit einer fröhlich kreischenden Vergewaltigungs-Nummer: der Versuch der Hamburger Theatergruppe ROST, eine beliebige Ausgabe der "Bild"-Zeitung, die vom 14. Mai 1974, szenisch zu präsentieren. "BILD am Dienstag" heißt das Spektakel, und es ist daraus ein eher munteres als mutiges Theaterprodukt geworden, denn die Autoren Moritz Boerner und Christoph Derschau haben in den zwei Stunden eigentlich nur ein einziges dramaturgisches Verfahren ausprobiert: das des Nummern-Kabaretts, des kritischen Bunten Abends. Also werden, nach bewährten Kabarett-Mustern, die "Bild"-Berichte vom 14. Mai (Hauptthemen: Blut und Fußball) monologisch rezitiert, oratorisch abgesungen oder zu kleinen, heiteren Spielszenen ausgedehnt. Dem Theater, das dabei herauskommt, sieht man den Vorsatz und die Anstrengung an, komisch zu sein – kaum einmal aber spürt man etwas wie Wut, Ernst, politische Leidenschaft. Die Leute von ROST haben ihren Gegner wohl doch unterschätzt; haben so getan, als sei die "Bild"-Zeitung ein gruselig-albernes Stück Trivialliteratur; ein Horrorspaß, kein politisches Unglück. Aber leider: Springer ist schlimmer als Dracula.

Man lacht manchmal bei diesem Theater, und man lernt wenig; weil Boerner/Derschaus Szenen die "Bild"-Texte kaum einmal kritisch kommentieren oder polemisch attackieren, sie immer nur witzig und witzelnd illustrieren. Man begreift nichts von der Machart dieses Volksblattes, von seinem brutalen Raffinement; nichts auch von der Mentalität derer, die in dieser Zeitung schreiben. (Sind die "Bild"-Macher nur schlaue Simpel, oder sind es virtuose Demagogen?) Und nichts erfährt man über die Opfer von "Bild" – über die Menschen, die eine solche Zeitung offenbar brauchen, über ihre Sehnsüchte, ihre Lüste, ihre politischen Traumata. Deshalb ist jedes Kroetz-Stück, weil es mit den Armen im Geiste fühlt und weil es nach den Gründen dieser Armut fragt, viel eher ein Stück gegen die "Bild"-Zeitung als "BILD am Dienstag".

Gut ist, daß in der "Fabrik", in Hamburgs schönstem Theaterraum, nun auch wieder Theater gespielt wird. Gut ist, daß die Leute von ROST (nach Tavels "Gorilla Queen", einem verspäteten, verquälten Ausflug in die Theater-Anarchie) zu akuteren Themen gefunden haben. Einen ersten politischen Erfolg hatten sie schon: Springers "Welt", sonst jedem lokalen Theaterereignis auf der Spur, verschwieg die Attacke auf Bruder "Bild". Benjamin Henrichs