Anbieter elektronischer Rechner liefern sich einen erbitterten Preiskampf

Preise brechen auf breiter Front zusammen; innerhalb weniger Monate werden Umsatzsteigerungen von dreihundert Prozent erzielt. Zahlen über Marktanteile sind schneller überholt als errechnet. "Der Markt für Taschenrechner", so kennzeichnet Friedrich Herrnböck, geschäftsführender Gesellschafter der Sanyo Deutschland, die Situation, "wächst nicht, sondern explodiert."

Wer, einen Taschenrechner kaufen will, muß sich in einem verwirrenden Angebot qualitativ sehr unterschiedlicher Typen zurechtfinden. Die Modellpalette reicht vom zur Zeit billigsten Taschenrechner, dem Neckermann-Modell "Commodore MM 6" für 69 Mark, der gerade für die vier Grundrechenarten reicht, bis zu Spitzenmodellen, wie dem Hewlett Packard HP-80 für 1545 Mark, der in Sekundenschnelle die Amortisation von Finanzierungskosten bei gleichbleibenden Abschreibungsraten errechnet.

Das US-Wirtschaftsmagazin Business Week bezeichnet die Westentaschenrechner als "heißeste Sache für den Einzelhandel seit dem Hula-Hoop-Reifen". Selbst überrascht von dem plötzlich hereingebrochenen Rechnerboom sehen auch auf dem deutschen Markt viele Hersteller und Händler die Bäume in den Himmel wachsen. Die Münchner MBO Büromaschinenvertriebsgesellschaft will "innerhalb der nächsten zwei Jahren Branchenführer bei Taschen- und Tischrechnern werden", Clive Sinclair, Chef der britischen Sinclair Radionics, die seit Oktober 1973 in der Bundesrepublik vertreten ist, glaubt "der größte Hersteller von wissenschaftlichen Rechnern" zu werden. Sanyo will 1974 seinen Absatz verdreifachen, Neckermann-Sprecher Fritz L. Frieauff rechnet "mindestens mit einer Verdoppelung", ebenso der amerikanische Elektronikgigant Texas Instruments.

Der Optimismus wird dadurch beflügelt, daß von den findigen Elektronikmanagern immer neue Käufergruppen als potentielle Interessenten entdeckt werden. Für Ingenieure, Architekten, Devisenhändler und andere Vielrechner ist der elektronische Rechenschieber schon seit langem ein unentbehrliches Hilfsmittel. In vielen Schulen, besonders in technischen Gymnasien, Ingenieurfachschulen und an technischen Universitäten sind Taschenrechner bereits zum Unterricht und in Prüfungen zugelassen. Jetzt wollen die Anbieter von Rechnern in den "Konsumpreislagen" (bis etwa 150 Mark) das Millionenheer der Schüler und Hausfrauen, die kleinen Gewerbetreibenden und Ladeninhaber für das elektronische Spielzeug gewinnen.

Der Traum mancher Rechner-Fabrikanten ist die Hausfrau im Supermarkt, die zu Preisvergleichen ihren elektronischen Kleinrechner aus der Handtasche zieht und sich dann entscheidet, ob sie der 250-Gramm-Gulaschkonserve zu 3,85 Mark den Vorzug vor der 240-Gramm-Dose zu 3,60 Mark gibt. Eric F. Kohn, geschäftsführender Gesellschafter der Sinclair Elektronik in Ottobrunn hat noch eine andere Käufergruppe ausgemacht. Er sieht ein erhebliches Potential bei "Spontankäufern und Angebern", die um des Prestiges willen zwei und zwei nur noch elektronisch addieren wollen. Nicht zuletzt für diesen Kundenkreis haben die Kaufhauskonzerne sowie Neckermann und Quelle schon vor Jahren, "Spielwiesen" für die Rechnerfans eingerichtet.

Hersteller wie Sanyo und MBO beurteilen das große Geschäft mit den Hausfrauen und Angebern zurückhaltender: "Die Mentalität der Hausfrauen ist noch nicht so weit", gibt Friedrich Herrnböck von Sanyo zu bedenken. Auch Aristo-Gesellschafter Hans Dennert will auf den technischen Spieltrieb beim breiten Publikum nicht bauen: "Man bringt in den deutschen Haushalten dem Fernseher größeres Interesse als dem Taschenrechner entgegen."