Ist der Kompromiß gefunden, heißt es: "Ende der Fahnenstange"

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

Bevor die Auguren sich darüber einig werden konnten, was der Rücktritt Erhard Epplers wirklich bedeute, saß dessen Nachfolger Egon Bahr schon am Chefschreibtisch im Entwicklungshilfeministerium. Mit dem gleichen Tempo, mit dem Helmut Schmidt die sozialliberale Regierungsmannschaft neu formiert hatte, hat er auch dieses Revirement vollzogen. Geschwindigkeit ist für ihn keine Hexerei.

"Ein Spielzug, ganz einfach und durchsichtig, aber eben deshalb raffiniert" – so beurteilte ein Bonner Beobachter das jüngste Kanzlermanöver. Jedenfalls hat Schmidt – ein guter Schachspieler – gleich mehrere Vorteile erzielt. Obwohl Bahr kein Linker ist, besänftigt die Berufung des getreuesten Weggenossen Brandts doch die in der SPD mittlerweile dominierende gemäßigte Linke, die in Eppler einen ihrer wichtigsten Repräsentanten sieht, zugleich stabilisiert die Rückkehr Bahrs die Verbindung zwischen Kanzler und Parteichef, zwischen dem neuen Kabinett und seinen ehemaligen Mitgliedern, die ja sämtlich Sozialdemokraten sind. Die Gefahr, daß sich die "gefallenen Engel" die neue Regierungsgarde entfremden und dat schließlich eine innerparteiliche Fronde entsteht, ist zumindest geringer geworden.

Auf diese Weise für den sozialdemokratischen Seelenfrieden zu sorgen, war das hauptsächliche Kalkül Schmidts. Und daß Bahr, ein überaus loyaler Mann, sich hat gewinnen lassen, macht deutlich, daß auch er diese Aufgabe als vordringlich erkannt hat. Doch der Regierungschef kann sich auch außenpolitische Vorteile ausrechnen.

Auf einen zu hohem internationalen Ansehen gelangten Minister folgt ein jenseits der Grenzen ähnlich renommierter Politiker. Damit wird der Verdacht wenn auch noch nicht widerlegt, so doch abgemildert, daß die deutsche Entwicklungshilfe künftig wesentlich niedriger gehängt werden solle. Und nicht zuletzt bekräftigt die Wiederberufung Egon Bahrs, daß auch die deutsche Ostpolitik unverändert fortgeführt wird. Mit einer einzigen Personalentscheidung hat Helmut Schmidt nach innen und außen Zweifeln an der Glaubwürdigkeit seiner Maxime von der Kontinuität des Regierungskurses eindrucksvoll begegnen können.