Neuer Band bei Kindler: "Die Literatur der Bundesrepublik"

Von Walter Hinderer

Obwohl Georg Gottfried Gervinus bereits 1835 den ersten Band seiner pragmatischen "Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen" vorgelegt hatte, begann sich Literaturgeschichte immer ausschließlich im "Haus der Dichtung" einzurichten, vielleicht, weil – wie Walter Benjamin hundert Jahre später polemisch anmerkt – "aus der Position des ‚Schönen‘ der ‚Erlebniswerte‘ des ,Ideellen‘ und ähnlicher Ochsenaugen in diesem Hause sich in der besten Deckung Feuer geben läßt".

Man interessiert sich heute mehr für Problemgeschichte und Literaturtheorie, für Soziologisches und Linguistisches, baut auf Hand- und Sachbücher, wünscht sich übersichtlich aufbereitete Information (möglichst gleich in Tabellenform) ins Haus. Um so mehr mag man darüber staunen, daß der Kindlerverlag eine Mammutliteraturgeschichte der Gegenwart in Auftrag gegeben hat. Nach Konrad Frankes "Literatur der Deutschen Demokratischen Republik" ist nun erschienen –

"Die Literatur der Bundesrepublik Deutschland", herausgegeben von Dieter Lattmann; Kindler Verlag, München/Zürich, 1973; 801 S., 98,– DM.

Es sollen noch folgen: je ein Band über Österreich und die Schweiz. Doch mit dieser Aufteilung fangen schon die Probleme von Kindlers literaturgeschichtlichem Museum an. Mochte das Konzept der Nationalliteratur im 19. Jahrhundert eine historisch adäquate Perspektive vermitteln, heute taugt es nicht einmal mehr zu Ausstellungszwecken. Kann eine Darstellung über westdeutsche Literatur auf Frisch und Dürrenmatt verzichten? Hieße das nicht auch gleichzeitig ihre Bedeutung schmälern? Wie verbreitet man sich über Lyrik und Prosa der Bundesrepublik ohne die Österreicher Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Thomas Bernhard, Gerhard Rühm, Oswald Wiener oder Peter Handke? Läßt man sie aus, schreibt man da nicht an der westdeutschen Literatur vorbei?

Dressur eines Papiertigers