Die Unstimmigkeiten zwischen Europa und Amerika wurden jetzt beigelegt

Vergessen sind die Zeiten, da Europäer und Amerikaner sich gegenseitig mit Vorwürfen und Verdächtigungen eindeckten. Nach der Nato-Erklärung vom 26. Juni, mit der die sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen den USA und ihren europäischen Verbündeten entkrampft werden soll, folgte nun die offizielle Bestätigung der Klima-Verbesserung zwischen der Europäischen Gemeinschaft (EG) und den USA auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Währung und des Handels. Sir Christopher Soames, Stellvertreter des Präsidenten der EG-Kommission François-Xavier Ortoli, nach einem Gespräch mit dem US-Außenminister: "Alles läuft jetzt sehr viel besser." Und Kissinger: "Unsere Beziehungen entwickeln sich sehr positiv."

Dabei enthält die Erklärung über die atlantischen Beziehungen zum Thema Wirtschaft nur wenige dürre Worte. Kissinger, damals noch Sicherheitsberater des US-Präsidenten, hatte allerdings mehr im Sinn, als er im April 1973 die europäischen Partner mit dem Vorschlag einer neuen Atlantik-Charta überraschte: Die Fragen der Sicherheit, der Währung und des Handels sollten nach amerikanischer Auffassung gemeinsam geklärt werden. Doch die Europäer – sicherheitspolitisch von den USA abhängig, auf den Weltmärkten jedoch Konkurrenten der Amerikaner – wollten vermeiden, daß unterschiedliche Leistungen gegeneinander aufgerechnet würden.

Der Gegenvorschlag Washingtons, parallel zur Nato-Erklärung eine Erklärung EG-USA abzufassen, wurde nach vielen Formulierungsversuchen jetzt – so ein US-Diplomat in Brüssel – "in das tiefste Gefrierfach gelegt". Damit blieb es bei zwei Sätzen in der Nato-Erklärung, in denen die Partner sich gegenseitig zusagen, die "Konfliktquellen zwischen ihrer Wirtschaftspolitik beseitigen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit untereinander fördern" zu wollen.

Schon bevor Europäer und Amerikaner mit derartigen Gemeinplätzen den rüden Umgangston der Vergangenheit beiseite ließen, hatte es auf dem Gebiet der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EG und den USA Kompromisse gegeben.

  • Auf der Tagung des Zwanziger-Ausschusses in Washington stimmten die USA dem Plan einiger europäischer Länder zu, die ihre Goldvorräte als Sicherheit für Devisenkredite einsetzen wollen.
  • In der von der Washingtoner Energiekonferenz im Februar eingesetzten Koordinierungsgruppe für Energiefragen, der die USA, Japan, Kanada, Norwegen und die EG-Länder außer Frankreich angehören, zeigten sich die US-Vertreter gegenüber dem europäischen Vorschlag einer schärferen Informationspflicht der Mineralölkonzerne aufgeschlossener als früher.

Nach dem im April von den EG-Außenministern formulierten Konsultationsangebot an die USA, das Sicherheit vor unliebsamen außenpolitischen Überraschungen geben soll, sind die wieder positiveren wirtschaftlichen Daten seit der Erdölkrise ausschlaggebend für die Entspannung in den transatlantischen Handelsbeziehungen. Amerika, daß im Februar 1973 noch wegen seines Handelsdefizits den Dollar abwerten mußte, hat in der Ölkrise relativ besser abgeschnitten als die Europäer. Ein US-Diplomat in Brüssel: "Wir haben, ohne es zu spüren, acht Prozent unseres Energieverbrauchs eingeschränkt."

Hans-Hagen Bremer