Von Jürgen Werner

Der Traum eines Trainers hat sich erfüllt, sein Trauma wurde beseitigt. Von Helmut Schön ist die Rede, dem Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, der mit seiner Mannschaft, die er im Finale zum hundertundersten Mal betreute, die Weltmeisterschaft gegen Holland (2 : 1) errang. 1964 hatte er die Verantwortung von Sepp Herberger übernommen, zehn Jahre nach jenem Ereignis und Erfolg, an dem später jede Leistung deutscher Fußballspieler in internationalen Spielen gemessen wurde: die Erringung der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in Bern gegen Ungarn (3 :2). Trotz der Titel Vizeweltmeister 1966 in England (2 :4), Europameister 1972 in Brüssel (3 : 0 gegen die Sowjetunion) blieb alle 4 Jahre die unausgesprochene Forderung deutscher Fußballfans nach der Wiederholung jenes Erfolges eine seelische Hypothek für den sensiblen Bundestrainer. Denn der Mythos schien unzerstörbar.

Doch vor Beginn der 10. Fußball-Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik hatten immerhin schon zwei Drittel der Bundesbürger den Titelgewinn erwartet, vor Beginn des Endspiels waren es bereits 80 Prozent – ein Volk schien falsch programmiert. Denn die von Fußballexperten und exaltierten Fans gleichermaßen favorisierten Helden der Nation wirkten anfangs müde. Munter wurde die Öffentlichkeit, als sie erfuhr, daß jeder Spieler im Falle des Titelgewinns 60 000 Mark erhalten würde, weil sie jetzt vom Feilschen genug hatte und endlich den Fight forderte.

Die Angst, das große Geld und die Gunst des Publikums, von dem sie schließlich leben, zu verlieren, der Anspruch, gleichermaßen Prestige, Profit und Profil zu gewinnen, der Wille schließlich, Leistung, nicht nur des Lohnes, sondern auch der Liebe zum Sport und der Leidenschaft, sich selbst zu bestätigen, wegen, zu erbringen, bewirkten die Wandlung – elf Spieler bildeten jetzt wieder eine Mannschaft. Schon die Stationen auf dem Weg ins Endspiel – die Spiele gegen Jugoslawien (2 :0), Schweden (4 : 2) und vor allem Polen (1 : 0) – demonstrierten im Grunde die Herbergersche Doktrin der fünfziger Jahre – "Sie müsse brenne."

Die Konsequenzen waren vom Mannschaftskapitän Beckenbauer gefordert und von Schön vollzogen worden. An den Kampfgeist der Spieler hatte der Bundestrainer appelliert und Beckenbauer war sein Prophet, Vorbild und Verkünder zugleich, – keiner kämpfte wie er. Die Umstellung der Mannschaft hatte den Umschwung eingeleitet.

Im Endspiel bewiesen dann alle elf Spieler, was unter Solidarität einer Mannschaft im Sport zu verstehen ist – Einsatzbereitschaft, Hingabe an eine Sache, Ein- und Unterordnung innerhalb eines festgelegten spielerischen Rahmens und das Bewußtsein, für diese Zeit zusammenzugehören. Selbst wenn man das Küssen und Kosen nach den beiden. Toren und vor allem nach dem Schlußpfiff nur als Abreagieren von Spannungen und Affekten interpretieren will, so offenbarte sich darin doch auch ein neu gewonnenes Gemeinschaftsgefühl, ohne das dieser Triumph einer Mannschaft nicht möglich gewesen wäre.

Nun die Belege für das Gesagte im Spiel. Man wäre geneigt, ein fußballerisches Heldenepos auf Beckenbauer zu schreiben. Denn was immer im Spiel der deutschen Mannschaft geschah, gestaltet oder getan wurde, nichts ging eigentlich ohne ihn – die Faszination des Fußballers Franz, der in der Abwehr kämpfend und köpfend verteidigte, im Mittelfeld spurtend und spielend seine Mitspieler immer wieder anspielte und einsetzte und am Strafraum der Holländer – allerdings sporadisch – die Bälle schlenzend und schneidend verteilte oder aufs. Tor schoß.