Von Adolf Metzner

Um 17.45 Uhr war im Münchner Olympiastadion das große Zittern vorbei. Schiedsrichter Taylor aus England ließ seine Trillerpfeife zum letztenmal ertönen. Die bundesdeutsche Fußballmannschaft war Weltmeister. Der Jubel war unbeschreiblich, tausende schwarzrotgoldener Fähnchen wurden geschwungen und immer wieder brandeten die "Deutschland-Deutschland"-Rufe auf.

Als "Kaiser" Franz den Worldcup aus purem Gold der Menge zeigte, ging einen Moment lang ein ehrfürchtiges Raunen durch die Ränge, das aber sofort wieder in tosenden Beifall umschlug. Die Brasilianer hatten als Weltmeister den alten Coupe Jules Rimet noch wie einen Monstranz feierlich nach den Himmelsrichtungen emporgehoben. Beckenbauer machte das lässig-elegant, so wie er Fußball spielt.

Und dann die Ehrenrunde der siegreichen Elf. Photographen stellten sich in den Weg, zwei umgerissene Apparate blieben auf der Tartanbahn liegen. Maier Sepp hätte am liebsten alle 80 000 in seine Arme geschlossen. "Seid umschlungen..." So viel Glück und so viel Geld. Ob sie in diesem Augenblick der höchsten Seligkeit auch daran dachten – ich glaube nicht. Jetzt gehen sie in die Sportgeschichte ein. Und immer wieder wird man ihre Namen in den nächsten 10 oder 20 Jahren, zitieren. Ich schreibe sie noch einmal hierher: Maier, Vogts, Breitner, Schwarzenbeck, Beckenbauer, Bonhof, Hoeneß, Grabowski, Overath, Müller, Hölzenbein. Falls Sie kein Fußballfan, sind, brauchen Sie diese Namen nicht auswendig zu lernen, man wird sie Ihnen einbleuen, daß Sie, sie sogar noch im Schlaf heruntermurmeln können.

Am Sonntag drängten sich in meinem Hotel noch Dutzende von Jungen um ein Autogramm der Helden von Bern 1954, von Sepp Herberger, Fritz Walter, Turek, Rahn, Morlock oder Posipal zu ergattern. Bald werden aber die Berner vergessen sein, ihre Namen werden nur noch ein paar Sportbücher zieren. Diesen Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze mehr. Neue Helden, haben die grüne Bühne betreten.

Helmut Schön ist nun endgültig aus dem Schatten Herbergers herausgetreten, Franz Beckenbauers fast magisch wirkende Ballbeherrschung auf engstem Raum und seine seidenweichen, exakten Pässe lassen Fritz Walters Spielkunst vergessen. Und selbst Johan Cruyff wurde, wenn auch nicht entzaubert, so doch in der alles überragenden Dirigenten- und Vollstreckerrolle eingeschränkt. Wer das erste Tor schießt, verliert das Spiel, das war nun schon neunmal so.

Gewiß, die zweite Halbzeit hatte für die Deutschen wenig Glanz. Im siebenten Spiel waren die Helden müde. Der Spielfaden war gerissen. Die Holländer führten Powerplay auf ein Tor vor. Aber das Glück, das auch im Sport nur dem Tüchtigen winkt, war mit der bundesdeutschen Mannschaft. Immer wieder geriet auch das holländische Tor noch in Gefahr. Als der Frankfurter Hölzenbein im Strafraum unfair gelegt wurde, versagte der englische Referee den Deutschen einen Strafstoß, der zum 3 : 1 hätte führen können. Drei Elfmeter waren dem englischen Schlachtermeister offenbar zuviel. Die beiden ersten hatte er noch ordnungsgemäß gepfiffen. Aber ein typisches Müller-Tor, sein Schuß kurz vor der Halbzeit aus der Drehung heraus abgefeuert, entschied die dramatische Partie.