In Bonn beriet eine Jury zum zweitenmal über Entwürfe für neue Parlamentsgebäude. Doch erst ein dritter Versuch soll im Herbst die Entscheidung bringen. Ein grundsätzliches Problem ist:

Von Manfred Sack

Für ein Rathaus gehört es sich nicht mehr, einen Turm zu haben, ein Parlamentsgebäude braucht keine gläserne Stahlkuppel mehr, und der Wettstreit mit dem Petersdom um Prunk und Monumentalität ist lächerlich geworden. Kirchen sind nicht mehr einfach und erkennbar Schiff und Turm, sondern formale Phantasien, die in ihrer fast privaten Irgendwie-Architektur nur die Unruhe spiegeln, in der sich die Glaubensinstitutionen befinden. Die eindeutigsten Gehäuse unserer Tage beherbergen weder irdische noch himmlische Herrscher, sondern Beamte, Verkäufer und Faulenzer; ihre Sitz-, Steh- und Liegeplätze sind Büro(hoch)häuser, Kaufhäuser, Ferienappartementhäuser. Nicht wahr: das sind die Baufiguren, die sich in unsere Assoziationen drängeln.

Was wunder also, daß die drei Dutzend Juroren und Berater, die nun zum zweitenmal in Bonn über den Entwürfen für die neuen Parlamentsgebäude zu Gericht saßen, derlei verräterische Gedankenverbindungen für negative Zeichen nahmen. Nein, sie wollten nichts, haben, was an anderes denken ließe als an: Demokratie.

Wie aber sieht denn ein Parlament aus, dem keine Kuppel mehr als Erkennungszeichen aufgesetzt ist? Könnte man dann nicht auch fragen, wie ein Bundespräsident zu erkennen sei, da ihn doch keine Krone drückt? Aber ja, und die Antwort wäre: Er braucht keine, denn er hat ja ein Gesicht. Nicht einmal der vordergründigste Symbolismus hülfe: Wie sieht denn Demokratie aus?

Eine absurde Frage, natürlich, aber wohl notwendig, um sich darüber klarzuwerden. Das zeigte sich nicht zuletzt an der Sprache der Juroren. Ich meine nicht so alberne Erfindungen wie "Verzimmerung", womit die Anordnung von Zimmern in einem Gebäude gemeint ist, sondern "Signifikanz". Zum Urteil aufgerufen, warfen es die Architekten wie die Politiker unter ihnen stets mit in die Waagschale. Selbst wenn es mitunter den Anschein hatte, als husche dieses Wort in seinem unheimlichen modischen Habitus wie ein Geist im Nachthemd durch die Gehirne; selbst wenn das Lexikon bei der Begriffserklärung überraschend schnell in die Naturwissenschaften abschwenkt und nur zwei farblose Eindeutschungen – Bedeutsamkeit, Wesentlichkeit – hinterläßt; und selbst wenn man das unpräzise, nicht einmal schillernde Wort nicht mag: da, wo die Demokratie als Bauherr und Baumeister in Erscheinung tritt, muß man Architektur mit dieser Elle messen und fragen, ob sie signifikant, ob sie bedeutend und wesentlich, noch direkter: ob sie deutlich, also gut genug sei.