ZDF, Sonntag, 7. Juli: "Die Liebe zu den drei Orangen", von Sergej Prokofiew.

Zwischen dem Bildschirm-Jubelschrei der Massen im Münchner Olympiastadion und dessen mehrfacher, immer stärker sich abnutzender Wiederholung vier Stunden später ein bißchen gefilmter Kulturbesitz, mit dem Anspruch der Authentizität: Prokofiews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" ist eigentlich so recht für die Filmkamera geschrieben. Das Libretto wechselt ständig Raum und Zeit, es springt von der Realität eines Zuschauerstreits – hier die Anhänger der Komödie, da die der Tragödie – in das Spiel mit der "Bühne auf der Bühne"; benötigt Tricks und Verwandlungen und Technik und Natur; will auch noch die Moral von der Geschieht’ und darüber hinaus die heiter-ironische Distanz, wie sie die Veroperung eines Märchens benötigt.

Denn diese in originalem Russisch von Russen und Bulgaren produzierte verfilmte Oper (oder dieser veroperte Film) hat von all dem nur wenig. Da ist Distanz durch Direktheit ersetzt, Clownerie treibt die Ironie heraus, grobschlächtige Operntheatralik tötet die Feinheiten von szenischen Charakteren wie deren musikalischen Nuancen. Was auf der Opernbühne von Provinz und Staatstheater nur noch Schrecken oder Langeweile verbreitet, wird hier in aller Breite vorgeführt: das antiquierte Grimassieren nach groben Rastern; das miese Chargieren von Choristen; die platte Groteske, die sich für Humor halt und nicht einmal ahnt, was sie anrichtet.

Aber das wäre ja noch dem Alter und der zusätzlichen Ost-West-,,Zeitverschiebung" ins Anachronistische zuzuschreiben und unter "Schlimm, aber begreiflich" abzubuchen. Ärgerlicher schon sind die Verfälschungen und Striche, die man dem Werk antat, das davon lebt, daß das Prinzip der "Bühne auf der Bühne" zwar ständig präsent ist und wirkt, daß aber die Doppeldeutigkeit und die Verschachtelung von Realität und Bühnenschein ständige Zweifel aufkommen läßt daran, wo man sich zur Zeit befindet, und daß so eine Mehrschichtigkeit erzeugt wird.

Ganz abgesehen davon, daß die Märchenhaftigkeit, das Fabelhafte dieser Vorlage nie zum Tragen kam. Das Faszinierende an der Kernszene, in der ein Prinz und sein Diener drei Orangen aufbrechen, in ihnen je eine Prinzessin finden, zwei von ihnen verdursten lassen müssen, weil sie ihnen – die Szene spielt in der Wüste – nicht sofort Wasser verschaffen können: wenn das nur durch schäbige Kameratricks – Verwandlung in der Unschärfe – passieren kann, hat die technische Entwicklung bislang noch zu nichts geführt.

Fatal jedoch ist der erneute Offenbarungseid einer Fernseh-Hauptabteilung, der eine zwar bekannte, aber immer wieder mit Bedauern oder Zorn zu registrierende Tatsache bestätigte. Wieder einmal wurde die Chance völlig vertan, einem Zuschauer auch nur die primitivsten Voraussetzungen zu vermitteln, die ihm ein in der Szene wie im Musikalischen, in Klang, Linie oder Orchestrierung ungewohntes Stück sowohl leichter verdaulich weil verständlich, vor allem aber schätzenswert hätten machen können. Die Lieblosigkeit der Präsentation, mit der gänzlich uninteressiert eine gekaufte Produktion auf den Bildschirm geworfen wird, mit der man sich und das Haus nicht groß herausputzen kann, die Chuzpe also, die dem Zuschauer bedeutet, "Nimm und friß" – diese Unverantwortlichkeit ist es, die einen empört. Heinz Josef Herbort