Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst des Terrorismus. Alle Mächte der alten Welt haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der rote Zar, Kissinger und Giscard, amerikanische Linke und deutsche Verfassungsschützer. So etwa müßte, analog zu dem flammenden Revolutionsaufruf von Marx und Engels, heute das Manifest der Weltrevolution anfangen, die Geburtsurkunde einer neuen Internationale, einer modernen Komintern – einer Weltzentrale der Untergrundarmeen. In Ansätzen besteht diese Internationale des Terrorismus schon seit längerem.

Westliche Geheimdienste orteten im Dezember in Dublin ein Treffen zwischen Vertretern der verbotenen Irisch-Republikanischen Armee (IRA), der Palästinenser-Organisation "Schwarzer September" und der "Befreiungsfront der Bretagne" – Querverbindungen wurden auch zur Baskenbewegung ETA in Spanien und zu den "Roten Brigaden" in Italien geknüpft. Sie helfen sich gegenseitig aus – mit Waffen und Sprengstoff, mit falschen Pässen und mit Verstecken für Flüchtlinge und Kuriere. Einer lernt vom anderen: Die Guerilleros in Guatemala und Brasilien machten vor, wie man Diplomaten entführt; argentinische Untergrundkämpfer erfanden das Kidnapping von Geschäftsleuten (zwecks Lösegeld); die Fedayin imitierten die Flugzeugentführungen kuba-süchtiger Flüchtlinge; baskische Attentäter ließen sich von der IRA in der Technik der Autobomben unterweisen.

Die Taktik der Guerilla wird auf international bewährten Schulen und Schießplätzen erprobt: Algerier und Tunesier drillten die Soldaten der Angolanischen Befreiungsarmee, Chinesen trainierten die Untergrundkämpfer in Uganda, Ägypter und Syrer unterstützten die Partisanen in Eritrea, Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppen holten sich ihr Rüstzeug bei den Palästinensern, und Terroristen aller Farben und Kontinente absolvierten Guerilla-Kurse auf Kuba. Es ist nichts Ungewöhnliches mehr, wenn sich Studenten der japanischen Linksbewegung Sengakuren aus libyschen Ölgewinnen finanzieren lassen und im Auftrage der Palästinenser mit russischen Katjuschas einen Shell-Tank in Singapur in Brand schießen, oder wenn ein in Paris beheimatetes Kommando von Türken, Palästinensern und Algeriern den Sohn eines israelischen Botschafters in Westeuropa entführen will.

Seit Jahren steigern sich Tempo und Häufigkeit der Gewalttätigkeiten: Massaker auf internationalen Flugplätzen und italienischen Marktplätzen, Blutbäder in israelischen Siedlungen und irischen Geschäftsstraßen, Geiselnahmen, Entführungen, Brandstiftungen, Briefbomben – Es will einem so vorkommen, als lebten wir in den schrecklichsten Zeiten seit Menschengedenken. Doch der Schein trügt. In den Jahren zwischen 1871 und 1914, die man verklärend die friedvollste Epoche europäischer Geschichte genannt hat, versetzten Nihilisten und Terroristen die zivilisierte Welt in Panik und ließen die Mächtigen erzittern. Zar Alexander II., Präsident Carnot von Frankreich, Präsident McKinley von Amerika, König Humbert von Italien, die österreichische Kaiserin Elisabeth und ihr Neffe Franz Ferdinand starben durch Bomben, Dolch oder Blei; um ein Haar wäre bei der Einweihung des Niederwalddenkmals die gesamte deutsche Fürstenschar dynamisiert worden.

Auch die zwazinger und dreißiger Jahre waren, zumal in Europa, nicht arm an Attentaten, Anschlägen und Aufständen. "Soldaten der Komintern" und Fünfte Kolonnen der Faschisten unterminierten Staaten und Gesellschaften. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in den Ländern der Dritten Welt der blutige Siegeszug der revolutionären Volkskrieger. Der große Krieg wurde abgelöst durch Partisanenkämpfe, mit denen sich die farbigen Völker von der Herrschaft der alten Kolonialmächte befreiten. Die Russen gaben dabei Hilfestellung. Diese Ära geht nun – mit den Kriegen in Guinea, Angola und Mozambique – zu Ende.

Kein amerikanischer Präsident, kein Führer der Labour Party oder der Sozialdemokratie könnte für die internationalen Terrorgruppen härtere Worte finden als die Sowjets, wenn ihre Politik durch sie gestört wird. Nicht genug damit, daß sie von den Moskauer Kommunisten als "Anarchisten, Maoisten und Trotzkisten" beschimpft werden. In der Literaturnaja Gaseta wurden sie einmal sogar als "Abenteurer, Fanatiker und psychisch Gestörte" abgestempelt: "Ihr Opfer ist vergebens, ihre Energie wird ohne Nutzen für die Revolution verschwendet."