Von Rolf Zander

Der Autor unterrichtet die Fächer Deutsch und Kunst an einer Gesamtschule in Hamburg.

In den meisten Bundesländern liegen jetzt neue Richtlinien oder Lehrpläne für ein Unterrichtsfach vor, das bald Zeichenunterricht, bald visuelle Kommunikation, bald Kunsterziehung, bald bildnerisches Gestalten, musische Erziehung, im Schulalltag aber kurz "Kunst" genannt wird.

Vorauszuschicken ist: Kunstunterricht begann als ein typisches Gymnasialfach; erst in den letzten Jahrzehnten nahm es in der Praxis der Haupt- und Realschule einen unbestrittenen und qualifizierten Platz ein. "Kunst" den Bürgern, dem Volke "Werken" war die Devise der Schulämter noch in der Nachkriegszeit.

Die ministeriellen Richtlinien von heute beenden diesen Zustand nicht. Sie tragen ihm aber Rechnung: in Hamburg wird die inhaltliche und konzeptionelle Annäherung des Kunstunterrichts der Haupt- und Realschulen an den der Gymnasien versucht, in Hessen wurde eine neue Bestimmung der Funktion und Inhalte des Kunstunterrichts im Rahmen des Gesamtschul-Curriculums erarbeitet. Obwohl von Bundesland zu Bundesland die Fachbezeichnung wechselt, lassen Inhalt und Tendenz der offiziellen Vorstellungen eine Gemeinsamkeit erkennen: daß Kunst eher klein geschrieben wird. Größer wird da schon visuelle Kommunikation geschrieben. Ein Blick auf die Unterrichtsszene zwischen Elbe und Rhein zeigt, was es damit, auf sich hat.

Zum Beispiel: Jungen und Mädchen einer 5. Klasse betrachten das Plakat des Politkünstlers Klaus Staeck mit dem Titel "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer verkaufen?" Text des Unterrichtsentwurfs: "Die Graphik, für die Staeck eine Dürer-Zeichnung (Porträt der Mutter) verwendet, provoziert differenzierte Fragehaltungen, die bei den Schülern ein latentes Problembewußtsein für den Bereich Vorurteile aufbrechen ..." Nach der Erörterung der Frage zeichnen die Schüler selber einen "unerwünschten" und einen "idealen" Mieter und nehmen schriftlich zu ihren Arbeiten Stellung.

Oder: Ein bunt bemalter Papierzylinder im Litfaßsäulenformat wälzt sich langsam über einen belebten Verkehrsplatz der Hamburger Innenstadt, eine junge Dame von 18 Jahren, Studienstufe II, verfolgt seinen Weg und die Aufmerksamkeit, die er erregt, mit einer Kamera.