Zwischen dem Öl der Nordsee und dem Whisky der Highlands

Von Rudolf Walter Leonhardt

Die Schottland-Romantik hat einen Knacks bekommen. So ganz hatte sie nie gestimmt, das heißt: im Dreieck Glasgow–Edinburgh–Aberdeen, wo mehr als vier von den fünf Millionen Schotten leben, stimmt sie schon seit fünfzig Jahren nicht mehr. Und jetzt fängt eine ganz unromantische, dafür jedoch möglicherweise einträgliche Industrialisierung an, auch auf den Norden und den Westen, auf die Highlands und Islands überzugreifen. Das haben mit ihren Bohrungen vor der Ostküste, zwischen Schottland und Norwegen, die internationalen Erdölgesellschaften getan.

Gewiß drängen sich die Industrieanlagen noch niemandem auf, der erst einmal aus Glasgow heraus ist. Und sogar Glasgow fängt an, ganz bewohnbar zu werden. "Die schönste Stadt in Britannien", wie für den Robinson-Autor Defoe, ist es allerdings noch nicht wieder.

Im Rathaus, den City Chambers, wies mich der Bürgermeister, der dort Lord Provost genannt wird, nicht ohne Stolz darauf hin, daß der Himmel über der Stadt blau war – es regnete zufällig auch nicht. "Vor zehn Jahren hatte es hier die Sonne noch schwer, durch Rauch und andere Abgase hindurchzudringen."

Nach Nordosten zu, vor allem zwischen Edinburgh und Aberdeen, gibt es, sobald man von der Hauptstraße abbiegt, schon richtige schottische Landschaft, rundkuppige Bens, tiefe Glens und friedliche Lochs – Berge und Täler und Seen. Dort liegt auch Glen Eagles, Schottlands Prunkhotel in Auchterarder, mit zwei riesigen Golfplätzen. Dort sind in der Saison viele reiche Amerikaner, weniger reiche Engländer und sogar ein paar reiche Schotten zu Gast, die sich den Nationalsports aus Zeiten britischer Landedelmannsherrlichkeit widmen, dem huntin’ und shootin’ und fishin’.

Die weitaus meisten der Touristen, die im Sommer, und so gut wie ausschließlich im Sommer, nach Schottland fahren, haben nicht so viel Geld. Ihnen wird auf dem Lande in jedem zehnten Haus ein Privatquartier angeboten, das sich durch das Schild "bed and breakfast" ausweist und oft besser, meistens lustiger und jedenfalls billiger ist als ein Hotelzimmer. Wer Glück hat, kann mit zehn Mark für ein Bett und ein Frühstück auskommen.