Von Dietrich Strothmann

In einem Roman könnte man sie sich gut vorstellen: Wie sie, meist allein, gegen die Windmühlenflügel der Justiz anrennt; eine kleine, zarte Person, mit keckem Augenaufschlag, die satte Bürger aus ihrer Selbstgenügsamkeit aufzuschrecken versucht, sehr oft vergeblich. Wie sie, ohne ihre mädchenhaft-melodische Stimme zu strapazieren, ihre bitterbösen Anklagen erhebt und doch den Panzer der Gleichgültigkeit meist nicht zu durchdringen vermag. Beate Auguste Klarsfeld, die 35jährige Deutsch-Französin aus Paris, verheiratet mit Serge (einem Historiker, der sich auf sein Juraexamen vorbereitet), zwei Kinder – was treibt sie um? Dieser Tage ist ihr zum zweitenmal vor einem deutschen Gericht der Prozeß gemacht worden. Sie paßt so gar nicht ins Schema des Üblichen, Gewohnten. Darum ist es auch gar nicht so leicht, mit ihr fertig zu werden, für den Richter am allerwenigsten.

Woran das liegt? Einmal wohl daran, daß man einer Frau – zumal einer nach den üblichen Vorstellungen so hübschen und femininen – einfach nicht zutrauen mag, was sie sich selber zutraut. Und dann: Daß sie genau dazu den Mut aufbringt, und sei es auch ein verzweifelter, strafwürdiger Mut, wozu ihn bei uns sonst keiner mehr hat. Die Sache, um die es dieser Beate Klarsfeld geht, ist ja "längst gelaufen", "kein Hahn kräht mehr danach". Ein Schlußstrich soll gezogen werden, so lautet die allgemeine Meinung, weil auch die "Mörder unter uns" endlich friedlich ihren ohnehin nicht mehr langen Lebensabend leben sollen. Schließlich: Es sind dreißig Jahre danach. Also Schwamm drüber, endlich und für allemal.

Beate Klarsfeld nun, die Berlinerin aus Paris, Vater Versicherungsangestellter, Mutter Stenotypistin – "Ich komme aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, meine Eltern waren die üblichen Mitläufer des Dritten Reiches" – sie ist in die Rolle des personifizierten "schlechten Gewissens" geschlüpft: ein bißchen Racheengel, ein bißchen Sühneapostel, eine Spur von einer Heiligen Johanna und einer streitbar-kessen Heroine. Auf jeden Fall aber tapfer, entschlossen, protestierend und provozierend. Nicht für sich, wohlgemerkt, für andere. Sie protestiert für die, die wie ihr Mann, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, noch einmal davongekommen sind. Sie provoziert jene, die sich nie mitschuldig fühlten oder die einfach uninteressiert sind.

Da ist nun diese Frau und will die einen, die an der Schuld teil hatten, aufrütteln und den anderen, die sie verdrängten oder vergaßen, das Gewissen schärfen. Wenn schon Beate Klarsfeld nicht überhaupt zu spät kam für ihren Privatfeldzug – auch die "Wochen der Brüderlichkeit" haben sich inzwischen abgenutzt –, so hat sie gewiß eine Sisyphosarbeit angenommen. So wenigstens will es scheinen, mißt man ihren Abrechnungsaktionismus an dem, was dabei bislang herauskam: Kiesinger ohrfeigte sie in Berlin (November 1968) – doch er blieb Bundeskanzler; gegen Ernst Achenbach, den FDP-Abgeordneten, protestierte sie in Brüssel (April 1970) – doch er wurde aus anderen Gründen nicht als EG-Kommissar nominiert; dem Bonner Botschafter Schirmer hielt sie dessen Vergangenheit vor (Wien 1970) – doch er blieb auf seinem Posten. In Warschau, an einen Baum in der Hauptstraße Marszalkowska gefesselt, verteilte sie Flugblätter wider den Antisemitismus; in Prag, vor der Karls-Universität, wetterte sie gegen die Restalinisierung; in Damaskus, vor dem Amtssitz des Präsidenten Assad, forderte sie, die syrischen Juden auswandern zu lassen; in der bolivianischen Hauptstadt La Paz verlangte sie die Auslieferung des sich unter dem Namen Altmann verbergenden ehemaligen Lyoner Gestapo-Chefs Klaus Barbie.

Alles vergeblich, alles umsonst – abgesehen von dem Aufsehen, das sie erregte, von der Publizität, die ihre Proteste fanden. Abgesehen auch von den Auszeichnungen, die ihr zuteil wurden: für den Berliner Backenstreich die Lambrakis-Nadel des kommunistischen Weltfriedens-Kongresses in "Anerkennung Ihrer mutigen Tat" (doch nach ihrem Warschauer Auftritt war sie für Ostberlin persona non grata), für ihren Einsatz in Syrien die israelische Tapferkeitsmedaille der Getto-Kämpfer. Mäßigen Erfolg hatte Beate Klarsfeld auch in Sachen Kiesinger, mit einem Buch ("K. oder der subtile Faschismus", Vorwort Heinrich Böll) und einer Schallplatte ("Der Fall K. – die Geschichte einer Ohrfeige") unter der Bestellnummer 2 633 930, der angeblichen Pg-Nummer des damaligen Kanzlers. Ansonsten aber glätteten sich die Wogen rasch. Man ging wieder zur Tagesordnung über.

Vergessen ihr herber Ausspruch: "Ich war begeistert. Sein Gesicht ist breit, ich dachte, da haust du rein" (über Kiesinger), ihr Wunsch: "Ich würde mich schrecklich freuen, wenn jemand auch mal den Professor Schiller ohrfeigen würde", ihre selbstgefällig-geschmacklose Bemerkung: "Die Ohrfeige in das abstoßende Gesicht der zehn Millionen Nazis im Namen der fünfzig Millionen Toten und der künftigen Generationen war nötig." Eher belächelt als ernst genommen wegen ihres hochtrabenden Sühnerigorismus wurde sie, zumal nach solchen öffentlichen Bekundungen: "Eines Tages habe ich gefühlt, daß ich dies für Deutschland und um die Ehre Deutschlands zu retten, tun mußte" – "Ich habe die Fackel des Widerstandes an mich gerissen und trage sie weiter" – "Ich bin eine Tochter Goethes, Schillers und Beethovens, aber auch eine von Hitler, Himmler und Eichmann."