Von Josef Joffe

Deutsche Bücher über deutsche Außenpolitik sind Meterware – nur scheinen viele unter einer ähnlichen Misere zu leiden wie die geteilte Nation selbst. Jahrelang diente die deutsche Außenpolitik als Scheidewasser für Apologeten und Häretiker; sie war viel zu brisant und emotionsgeladen, um als Thema nüchterner Analysen herzuhalten.

Zu den beispielhaften Ausnahmen gehören unter anderem Hans-Peter Schwarz’ und Arnulf Barings "Klassiker" über die Entstehungs- und Frühzeit der westdeutschen Republik. Für die Zeit nach 1955, dem Zäsurjahr der westdeutschen Souveränität und Nato-Eingliederung, ist jetzt mit der beachtenswerten Habilitationsschrift von

Helga Haftendorn: "Abrüstungs- und Entspannungspolitik zwischen Sicherheitsbefriedigung und Friedenssicherung – Zur Außenpolitik der BRD 1955–1973"; Bertelsmann Universitätsverlag, Düsseldorf, 1974; 536 S., 45,– DM

eine wichtige Lücke geschlossen worden. Um es vorwegzunehmen: Mit seinen knapp 2000 Fußnoten auf 370 Seiten Text ist dieses Buch keine flüssige Lektüre; dazu ist das Thema zu diffizil, die Sprache trotz lobenswerter Ausbruchsversuche zu sehr dem akademischen Milieu verpflichtet.

Für "Profis" wie interessierte Laien ist dieses Buch jedoch ein unentbehrlicher Wegweiser durch knapp zwei Jahrzehnte deutscher und europäischer Sicherheitsdiplomatie. Die "Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln" mag esoterisch oder langweilig, irrelevant oder abstoßend erscheinen. Aber gerade in Europa und für Deutschland ist Sicherheitspolitik nie ein abstrakt-autonomes Sandkastenspiel für Generalstäbler, sondern vor allem Außen-, Interessen- und Ordnungspolitik par excellence gewesen. Das Vokabular hat sich immer wieder kaleidoskopartig verwandelt; doch ob Disengagement, Gewaltverzicht, Atomsperrvertrag, europäische Sicherheitskonferenz (KSZE) oder gegenseitiger Truppenabbau, die Elemente wie die diplomatischen Dickichte sind die gleichen geblieben.

Diesen Variationen ist die Autorin kapitelweise nachgegangen, um nicht nur die Kontinuität der Grundthemen, sondern vor allem den tonangebenden politischen Unterbau der Sicherheitspolitik bloßzulegen. Was für Bismarck der "Alptraum der Koalitionen", war für Adenauer und seine Nachfolger die Furcht vor einem neuen "Potsdam", also vor der Verständigung der Flügelmächte auf Kosten Deutschlands. Demgegenüber standen seit Kriegsende zwei Konstanten der amerikanischen und sowjetischen Politik.