Von Peter Wapnewski

Lieber Herr Muschg,

beim Versuch, wissen zu wollen, warum ich beim Lesen Ihrer Bücher auf jeden einzelnen Satz gespannt bin – wie macht er’s, was verkneift er sich, was verschweigt er –, habe ich das Orakel befragt. Das schien mir, angesichts Ihres Ruhmes auch bei mir selbst, ein ebenso seriöses Verfahren wie das der literarischen Einordnung. Ich habe also mit der Nadel in eines Ihrer Bücher gestochen, wie früher die Pietisten ins Neue Testament, ohne hinzusehen.

Das Verfahren, nicht eigentlich originell, mag doch zu originellen Ergebnissen führen. Der Satz aber, mit dem ich es beschrieb, ist Zitat. Er gehört Adolf Muschg, mit ihm hat er seine Laudatio für Max Frisch eingeleitet, als Frisch den Großen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung erhielt (am 12. Januar 1974 in Zürich).

Meister ist, wer nicht Epigone ist: Solche Bestimmung bleibt Stückwerk. Genauer trifft: Meister ist, wer Epigonen hat.

Adolf Muschg hat einen Epigonen: Ich bin seinem heuristischen Verfahren gefolgt; habe das Buch genommen, das bisher letzte ("Albissers Grund"); habe die Nadel genommen; habe hineingestochen – das Resultat war beklagenswert; auf keiner der beiden Seiten ein Satz, der tauglich gewesen wäre, die Mach- und Denkart von Muschgs Schreiben zu exemplifizieren. (Ich war an den Direktor der eidgenössischen Schule geraten, wie er sein schein-progressives Pädagogium darlegt, solche Sätze macht Muschg, aber sie machen nicht ihn.)

Da habe ich denn die windige Technik der Aleatorik aufgegeben und mich an ein ordentliches, ein gewissermaßen schweizerisches Verfahren gehalten, habe mir Sätze angesehen, die ich mir beim ersten Lesen angestrichen hatte, und blieb hängen an einem, der mir, je länger je mehr, als Maxime von wölfischer Schärfe im Schafspelz der Kindlichkeit erscheinen will. Auf der Seite 244 sagt ein Herr "eher wie Pasteur" zu einem Herrn "eher wie ein Löwe" auf dessen arglos gemeinte Redensartenfloskel hin: "Gehupft ist nicht gesprungen."