Ich war damals erst zwanzig, aber Arthur Koestlers "Der Yogi und der Kommissar" hat meine Generation seinerzeit so aufgeregt wie die jetzige etwa das "Kursbuch" über "Staatssozialismus". Ich lebte damals in Ostberlin, und der Besitz des "Monat", in dem der Aufsatz zum erstenmal auf deutsch erschienen ist, wurde in diesem Teil der Stadt mit Gefängnis bestraft; aber natürlich ging das Heft heimlich von Hand zu Hand und überall, in der Universität, in der S-Bahn, auch in der FDJ wurde darüber diskutiert. Es gab keinen Ausweg, überall das gleiche Dilemma also: Der Kommissar führt zur Inquisition und zu den "Säuberungen", der Heilige zur Unterwerfung unter die Bajonette, zu Dörfern ohne Kanalisation. Was sollte man wählen? Wer war besser dran, der Westen, der Osten?

In einer Art negativ-hegelianischer Geschichtsphilosophie sieht Koestler das Menschengeschlecht pendeln zwischen "Rationalismus, seichtem Optimismus, der unbarmherzigen Logik, der anmaßenden Selbstsicherheit und "Mystizismus, Romantizismus, irrationalen ethischen Werten, mittelalterlichem Zwielicht". Das Ausschlagen des Pendels von den rationalistischen zu den romantischen Perioden und zurück steht nicht im Widerspruch zu der Auffassung, daß sich die Geschichte im Grunde dialektisch bewegt. Diese Bewegung gleicht den Flutwellen auf einem Fluße, welcher trotzdem ins Meer fließt. Eine der verhängnisvollen Lücken in der marxistischen Geschichtsinterpretation war die, daß sie sich mit dem Fluße und nicht mit den Wellen befaßte

Man sieht, das ist wieder aktuell.

Und wer macht uns das zugänglich? Der Suhrkamp Verlag –

Arthur Koestler: "Der Yogi und der Kommissar – Auseinandersetzungen." st 158, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1974; 279 S., 5,– DM.

Eben erst erfährt die neomarxistische Ideologie international (nicht nur, aber vor allem: durch Solschenizyn, durch Popper, durch Topitsch) vehemente Kritik, und schon bekommen wir aus Frankfurt beredete und immer noch nachdenkenswerte Argumente dazu geliefert.

Im Lichte von Solschenizyn und auch von Ernest Mandels teil weiser, dann aber doch nachdrücklicher Zustimmung zum "Archipel GULAG" gewinnen Koestlers Aufsätze eine neue Aktualität; man merkt wieder, wie dialektisch der Mann denkt und wie wenig er mit dem denunziatorisch gebrauchten Begriff "Antikommunismus" zu tun hat. Etliche Koestlersche Ansichten von damals mögen heute schon Einsichten mancher Politbüro-Mitglieder geworden sein, andere sind auf dem Weg dorthin... Überraschend für den heutigen Leser, die einfache, die klare, die "materiale" Argumentation Koestlers. Lesenswert auch seine politisch-ästhetischen Aufsätze über die "Versuchungen des Romanschriftstellers", "Die Zukunft des Romans" und "Die Intelligenz als Gesellschaftsschicht". Koestlers Aktualität hat nicht aufgehört. Horst Bienek